Relevanz, Interessanz, Arroganz

„Das Diktat der Interessanz“ – dies ist nur ein Schlagwort, das Profi-Blogger Sascha Lobo am Mittwoch, 1. Juli, bei einem Vortrag in Frankfurt einem schwitzenden, aber aufmerksamen Publikum mangels Mikrofon lautstark entgegen rief. Veranstalter war „adnation“, ein Werbe-Vermarkter von Blogs. Auf dessen „Social Media Summer Tour 2009“ machten Lobo und sein Partner Dr. Peter Hogenkamp Station in der Westend-Kneipe BarandBasics. Beide gaben ihre Einschätzung der Bedeutung von Social Media zum Besten und es wurde durchaus ein unterhaltsamer Abend.


Lobo, der nehmen seinem Blog auch ein erfolgreicher Sachbuchautor ist, machte noch mal auf die Prinzipien sozialer Medien (wie z.B. Blogs, Community-Sites, Social Networks etc.) aufmerksam. Seine Wortschöpfung „Diktat der Interessanz“ weist auf den Unterschied zu den klassischen Medien hin. Sie unterliegen einem Relevanz-Diktat: Eine professionelle Redaktion entscheidet, was relevant und damit veröffentlichungswürdig sei.

Social Media würden stattdessen das veröffentlichen, was die Menschen interessiere, selbst wenn es nach den herkömmlichen Relevanz-Kriterien der Profis unwichtig sei. Das die Wahlentscheidungen vieler Nutzer automatisch die interessanten Themen nach vorne bringt, sei nach Lobos Ansicht ein Beispiel für die „Weisheit der Vielen“.

Gerade Werbung müsste überlegen, ob sie wirklich interessant für die Zielgruppe sei. Das war ein Hinweis an das Publikum der „Social Media Sommer Tour“, bestehend aus den Digital-Experten der Frankfurter Mediaagenturen, ergänzt um PR-Leute und einige wenige Werbungtreibende. Die Referenten zeigten Beispiele, wie Social Media für Unternehmenskommunikation genutzt werden kann. Ein kleiner Exkurs widmete sich auch der Bedeutung von Twitter.

Hogenkamp wies außerdem darauf hin, dass sich Blogs auch in der deutschen Medienlandschaft etabliert haben, auch wenn der Hype um die Blogosphäre lange vorbei ist. Sein Vortrag wurde auch mit einigen bösen Seitenhieben auf die Profi-Konkurrenz von der Online-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung gewürzt – die Journalisten der SZ zeichnen sich durch eine offensichtliche Internet-Skepsis aus, was sie zum beliebten Opfer für den Spot der Blogger-Gemeinde macht.

Darin zeigt sich das Selbstbewusstsein der Blogger, die im Grunde auch nichts anderes machen als Journalisten der klassischen Medien machen, nämlich Informationen aufbereiten und kommentieren. Obwohl viele Blogger aber eine konsequent subjektive Haltung dabei einnehmen, glauben sie doch, sie hätten die „Weisheit der Vielen“ auf ihrer Seite. Dies führt zu einer leicht arroganten Haltung gegenüber den professionellen Journalisten bei den reichweitenstarken Printmedien und ihren Online-Ablegern. Aber das verwundert nicht, schließlich fördert ein gemeinsames Feindbild den Zusammenhalt in einer Gruppe von Individualisten.

Der Abend war in erster Linie eine Verkaufsveranstaltung für das Werbenetzwerk „adnation“, das ungefähr 50 populäre Blogs im Portfolio hat (u.a. auch den reichweitenstarken Bildblog). Trotzdem waren die Vorträge nicht aufdringlich verkäuferisch, sondern beschäftigen sich eher mit allgemienen Themen. Lobo und Hogenkamp, beides Blogging-Veteranen der ersten Stunde, haben es geschafft, ihren Zuhörern einige spannende Gedanken zum Thema Social Media mit auf den Weg zu geben. Allerdings war es schon ein bisschen so, wie Eulen nach Athen zu tragen: Ein großer Teil des Publikums bestand aus Experten, die sowohl privat wie auch beruflich mit dem Einsatz von Social Media vertraut sind.

Bei der anschließenden Diskussion wurden dann doch eher die harten Media-Facts diskutiert: Wie sieht die Zielgruppe aus? Welche Themen-Umfelder stehen zur Verfügung? Wie lässt sich das kommunikative Potenzial der Seiten in Werbung transformieren? Dabei wurde auch vom Publikum kritisch angemerkt, dass die Werbeformen (nämlich klassische Banner), die man über das adnation-Network platzieren kann, eigentlich nicht die hehren Ansprüche des Social Webs an Innovation und Partizipation widerspiegeln.

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