Engels Zunge: Smart TV

In Media Spectrum ist meine neue Kolumne erschienen, diesmal zum Thema Smart TV. Hier können Sie sie auch lesen.

Die Macht auf dem Sofa

Ob jetzt endlich die Verbindung von Internet und TV kommt, wie es einige Experten prophezeien? Die Gewohnheiten der Fernsehzuschauer sprechen noch dagegen und es fehlen die „Killer-Apps“, die das Fernsehen wirklich smart machen.

Schon oft wurde die Hochzeit zwischen Internet und Fernsehen angekündigt, doch bisher ließ sie auf sich warten. Vielleicht lag es an den wenig attraktiven Namen: IPTV, HBBTV – zu viel Buchstabensalat. Nun gibt es ein neues Label: Smart TV – hört sich doch sexy an. Wer hätte nicht gerne ein intelligentes Fernsehen, vor allem in den Zeiten, in denen das Programm zwischen „Promi-Dinner“ und „Bauer sucht Frau“ alles andere als smart erscheint. Doch jenseits der Diskussionen in der Fachpresse: Wird sich Smart TV in den deutschen Wohnzimmern etablieren?

Ein paar Gründe sprechen dafür: Für wenig geben die Deutschen so viel Geld aus wie für ihren Fernsehapparat. Dann müssen die aufgerüsteten Hightech-Monster auch vielfältiger genutzt werden, damit sich die Investition lohnt – für Games, Videos, Urlaubfotos und logischerweise auch für das Surfen im Internet. Außerdem sind die Smartphone-Besitzer bereits an die Bedienung von Apps gewöhnt – warum sollten sie solche nicht auch auf dem TV-Bildschirm anklicken? Schließlich können viele Menschen ohne Facebook & Co. kaum eine Viertelstunde aushalten – wäre es dann nicht schön, wenn auch der Fernsehabend zusammen mit den Friends erfolgt – ohne Medienbruch, mit Facebook auf der Flimmerkiste?

 Familienfrieden und Statussymbole

Nun gibt es aber auch die üblichen Einwände. Wollen die Deutschen überhaupt Internetnutzung und Fernsehen miteinander verbinden? Ist TV nicht eher das genaue Gegenprogramm zu Online? Sich schön berieseln lassen, ohne selbst aktiv zu werden, anstatt ständig zu googlen, zu tippen und zu scrollen? Überhaupt: Fernsehen ist in erster Linie eine Gemeinschaftshandlung – vor dem Fernseher versammelt sich die Familie. Wer die Fernbedienung in der Hand hält, hat dabei keineswegs

die Macht auf dem Sofa, sondern muss sich dem Konsens der Anwesenden unterordnen. Ein Klicken auf Buttons und Apps, während gerade die „Soko Dingenskirchen“ ermittelt – das würde den Fernsehfrieden erheblich gefährden. Die Alternative ist ein allgegenwärtiger „Second Screen“ – während Günter Jauch auf dem TV-Bildschirm talkt, schaut jeder parallel auf seinen Tablet-PC oder sein Smartphone. Alle Funktionen des Internets sind verfügbar, zwar mit Medienbruch, aber ohne Störung des Familienidylls. Ist dann Smart TV zumindest etwas für Ein-Personen-Haushalte? Neue Techniken führen erfahrungsgemäß nicht zum Besitz von weniger Geräten – denn Hardware ist auch immer Prestigeobjekt und Statussymbol. Je mehr, desto besser. Also auch bei Singles gibt es einen Trend zum „Second Screen“.

Was muss Smart TV nun bieten, um sich in den heimischen vier Wänden durchzusetzen? Es muss wirklich smart sein – nicht smarter als sein Besitzer, sondern smarter als das Fernsehprogramm. Killer-Apps wären solche, mit denen sich die Zuschauer gegen das stupide Programm wehren können (Beispiele finden sie an der Seite bei den Buzzwords – leider alles noch Science-Fiction…). Smart TV müsste dem Zuschauer mehr Macht geben – doch darauf werden wir vermutlich noch lange warten müssen.

 

Buzzwords, auf die wir noch warten – heute zum Thema Smart TV

„Shut Up!“-Button:

Eine App, mit der man in einer Talkshow jeden zum Schweigen bringen kann, wenn er zu sehr nervt. Einige Dauergäste könnte man sogar langfristig blocken – eine Art Spam-Filter für TV-Geschwafel.

Embarrassment Agent:

Ein technischer Algorithmus, der automatisch Peinlichkeiten registriert und rechtzeitig umschaltet, um Fremdschämen zu verhindern. Auf Wunsch kann er auch gezielt nach Peinlichkeiten suchen.

Polit-Star-Konfigurator:

Ein lernendes Programm, das auf Basis der Präferenzen bei TV-Soaps und Spielfilmen einen virtuellen Politiker erschafft, der unabhängig von politischen Inhalten die Sympathie der Fernsehzuschauer gewinnt. Ein erster Versuch (Pilotprojekt „Karl Theodor“) gilt als vorerst gescheitert.

Die Facebook-Schau:

Aktuelle Posts und Facebook-Statusmeldungen werden direkt und individuell in die Tageschau eingespielt: Der Sprecher liest sie dann vor wie normale Nachrichten. So bekommt jeder seine persönlichen News, ganz ohne Medienbruch.

 

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