„Aussitzen“ oder besser eine „Häutung“?

Buchkritik:
„Das Strategiebuch“ von Rainer Zimmermann

Lange Zeit hat es gedauert, bis Karl-Theodor zu Guttenberg seinen Rücktritt erklärt hat. Es schien so, als ob er sich unsicher war, welche Strategie die beste sei, um aus der Affäre mit der plagiierten Doktorarbeit mehr oder minder heil herauszukommen. Geholfen hätte ihm vielleicht die Lektüre einer Neuerscheinung: „Das Strategiebuch“, geschrieben von dem Werber und Professor Rainer Zimmermann, in Zusammenarbeit mit einigen Kollegen (deren Beiträge sind natürlich korrekt mit Namen gekennzeichnet – auf so etwas achtet man ja dieser Tage besonders).

Zimmermann hat völlig richtig bemerkt, dass die verfügbare Literatur zum Thema Strategie nicht mit dem inflationären Gebrauch dieser Vokabel in allen Lebensbereichen mithalten kann. Es gibt kaum Bücher, die strategische Grundmuster klar und verständlich darstellen. Das „Strategiebuch“ will genau das liefern: 72 „Grundfiguren des strategischen Handelns“ werden beschrieben – jede Grundfigur wird auf zwei Seiten mit Hilfe von Beispielen erläutert. Dazu gibt es wenige Literaturverweise und ein paar illustrative Bilder (leider sehr klein, aber dafür immerhin farbig). Der Vorteil bei diesem Vorgehen: Anstatt langer komplizierter Texte bekommt der Leser eine mundgerechte Portion an Ideen – Futter zum Nachdenken anstatt trockener Definitionen oder komplexer Systematiken.

Die strategischen Modelle kommen dabei aus den unterschiedlichsten Ecken – etwa aus Kunst, Architektur oder Design, aber auch Politik, Geschichte oder Wirtschaft. Gerade diese Vielfalt an Bezügen macht das Buch so inspirierend. Natürlich schöpfen auch Zimmermann und sein Team aus den herkömmlichen Quellen zur Strategie-Geschichte – Machiavelli, Clausewitz, Sun Tzu. Die wichtigsten Einflüsse kommen übrigens von den chinesischen Strategemen, die Harro von Senger gesammelt und kommentiert hat.

Doch im Gegensatz zu vielen anderen Strategie-Traktaten erschöpft sich das Buch nicht im Wiederkäuen der immer gleichen Weisheiten und Maximen, vielmehr wird durch die Verknüpfung mit den Praxis-Strategien aus Wirtschaft und Werbung ebenso wie mit den Bezügen zu Politik und Zeitgeschichte der Horizont des Leser konsequent erweitert. Eine Klammer bildet ein grobes Ordnungsschema, das der Verfasser zu Beginn des Werkes vorstellt: Dabei geht es darum, ob eine Strategiefigur Positionen oder Potenziale sichert, entwickelt oder vermittelt.

Ein Buch mit hoher Relevanz für den Arbeitsalltag, auch wenn es einen eher intellektuellen Duktus folgt und keine Checklisten oder Übungen liefert, die viele Autoren als das A und O der Praxistauglichkeit halten. Deshalb hätte es auch von Guttenberg genützt, denn er hätte die Chancen eines Rücktritts viel früher erkennen können, wenn er den Text zur der Strategie der „Häutung“ gelesen hätte. So schreibt der Verfasser:
„Menschen oder Unternehmen, die in den Augen der Öffentlichkeit Verfehlungen begangen haben, signalisieren ihrer Umwelt mit der Häutung die Bereitschaft zu einem radikalem Neuanfang…Im besten Fall gewinnt man auf diese Weise Akzeptanz und neue Handlungsspielräume zurück, woraus am Ende neue Stärke erwachsen kann.“

Rainer Zimmermann: Das Strategiebuch – 72 Grundfiguren strategischen Handelns für Wirtschaft, Politik, Kommunikation, Design, Architektur und Alltag; Campus Verlag, Frankfurt am Main 2011, 187 Seiten, 24,90 €, ISBN 978-3-593-39350-6

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