Reiseführer in das digitale Feindesland

Buchkritik:
„Digitale Paradiese“ von Andreas Rosenfelder

Für den braven deutschen Bildungsbürger sind Computer- und Videospiele noch immer eine fremde Welt. Andere Erzeugnisse der Trivialkultur wurden über die Jahrzehnte nach und nach in den Bildungskanon aufgenommen – von Karl May über die Genre-Filme bis hin zu Comics und Popmusik. Doch mit elektronischen Spielen fremdeln die intellektuellen und konservativen Milieus noch sehr, gelten diese doch nach wie vor als geistlose Zeitverschwendung und Anleitung für Amokläufer. Die Angst vor dem verrohenden Einfluss der „Killerspieler“ ist in aller Munde. Gelegentlich liest man in den Feuilleton etwas darüber, dass ein Spiel wie „Grand Theft Auto IV“ alle Verkaufsrekorde bricht oder welche Massen die Games Convention in Leipzig anlockt – und der Leser schüttelt sich vor Schrecken über diese perfide Kulturindustrie und ihren Einfluss auf die nachwachsende Jugend, die man immer weniger versteht.


Andreas Rosenfelder, Kulturredakteur und selbst „Casual Gamer“ (also eher gelegentlicher Spieler von PC- oder Konsolen-Spielen), hat nun die Aufgabe übernommen, seine intellektuelle Leserschaft auf eine Exkursion in diese fremde Umgebung der Pixel-Korridore und Avatare mitzunehmen. Dabei sieht er sich als Vermittler zwischen zwei Kulturen: auf der einen Seite die schillernde und manchmal grelle Welt der Games, auf der anderen Seite die der klassischen Bildung und Kultur. Damit der Schock nicht zu groß wird, beschreibt der Autor feinfühlig und intelligent die „digitalen Paradiese“ mit dem Vokabular und dem Interpretations-Instrumentarium der Literaturkritik.
So werden die Spiele eingebettet in dreitausend Jahre Kulturgeschichte – vom Labyrinth des Minotaurus bis hin zu den verwinkelten Korridoren der Ego-Shooter-Spiele. Der geneigte Leser erfährt einiges über den Artenreichtum der Spiele, deren Faszination und das Selbstverständnis ihrer Schöpfer. Rosenfelder besucht Spiele-Entwickler in Kiew und erzählt von seiner eigenen Spieler-Karriere, doch das Buch ist keine Reportage oder soziologische Abhandlung über Fans und Produzenten. Es ist eher ein Kulturreiseführer nach Art des Baedeker – die Spiele werden knapp erläutert und ihre Beziehungen zur „Hochkultur“ aufgezeigt: dass bestimmte Spiele auf den Werken von Künstlern wie Andrei Tarkowski oder H.P. Lovecraft beruhen, welche Games einem klassischen Bildungsroman gleichen oder was das Spiel „Canis Canem“ über Schulhof-Rowdies mit Musils „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ zu tun hat. Das alles ist sehr geistreich geschrieben und amüsant zu lesen.
Wünschenswert wäre es allerdings gewesen, an einigen Stellen doch etwas tiefer einzutauchen in Paralleluniversen wie „World of Warcraft“, „Die Sims“ oder „Katamari“ (dem Lieblingsspiel des Autors, das man sich wirklich mal anschauen sollte – einfach den Namen bei Youtube eingeben!). Die wenigen Schwarzweiß-Fotos vermitteln nur ein sehr schwaches Bild der Gamer-Ästhetik. Doch um die Hemmschwelle zu überwinden und Zugang zur Gaming-Kultur zu erlangen, eignet sich Rosenfelders Buch auf jeden Fall.

Andreas Rosenfelder: „Digitale Paradiese. Von der schrecklichen Schönheit der Computerspiele“, Köln 2008, Kiepenheuer & Witsch, 190 Seiten, 8,95 EUR, ISBN 978-3-462-03955-9.

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