Aufschieben als Lebenskunst

Buchkritik:
„Dinge geregelt kriegen ohne einen Funken Selbstdisziplin“ von Kathrin Passig u. Sascha Lobo

Prokrastination ist eine Volkskrankheit der gebildeten Stände – die einfachsten Aufgaben und Tätigkeiten werden vor sich hergeschoben, anstatt sie zu erledigen, sei es die Steuererklärung, der Abwasch oder die Arbeit an dem großen Roman, den man schon so lange schreiben wollte. Während das Thema früher eher peinlich war und deshalb die Aufschieber mit schlechten Gewissen zu Hause vor dem leeren Blatt oder der vollen Spüle saßen, ist es mittlerweile in den Blickpunkt von Psychologen und Ratgeber-Autoren gerückt.


Die meisten dieser Bücher versuchen, aus den notorischen Prokrastinierern einigermaßen disziplinierte Menschen zu machen. Ganz anders das Buch von Lobo und Passig – sie zeigen mit viel Humor, dass man sich durchaus zu seinem Dasein als Aufschieber bekennen kann, um entspannter und glücklicher zu leben.

Da aber der Abwasch trotzdem gemacht werden muss, geben sie viele kleine, aber ungemein hilfreiche Tipps, wie man aus der einen oder anderen Aufschiebe-Falle entkommen kann. Einige dieser Ratschläge sind etwas befremdlich, doch viele sind erfrischend pragmatisch und intelligent, weshalb sie eine höhere Chance auf Nachahmung haben als viele Programme zum besseren Zeit- und Selbstmanagement, die andere Autoren anbieten.

Ein bisschen verklären die Autoren schon ihren eigenen persönlichen Lebensstil zum allgemeingültigen Prinzip. Sascha Lobo hat dies bereits in seinem erfolgreichen Buch „Wir nennen es Arbeit“ gemacht, in dem die „digitale Bohemie“ gefeiert wurde. Dieser Lebensentwurf ist allerdings schwer zu verwirklichen, wenn man nicht gerade wie die Autoren irgendwo in Berlin Mitte, Friedrichshain oder Prenzlauer Berg lebt, wo die Mieten billig sind und die Cafes auch am frühen Abend noch Frühstück servieren.

In „Dinge geregelt kriegen ohne einen Funken Selbstdisziplin“ ist diese Mitte-ist-die-Mitte-der-Welt-Weltsicht aber mit viel Selbstironie verpackt, weshalb man das Buch auch außerhalb des U-Bahnnetzes der BVG lesen kann.

Kathrin Passig / Sascha Lobo: „Dinge geregelt kriegen ohne einen Funken Selbstdisziplin“; rowohlt Berling, Berlin 2008, 286 Seiten; 19,90€, ISBN 3871346195

Hinterlassen Sie einen Kommentar

*