Besuch im Paralleluniversum

Buchkritik:
„Sophies zweite Welt“ von Matthias F. Steinmann (Hrsg.)

„Sophies zweite Welt“, so der Titel des vorliegenden Buches, erinnert vage an den Bestseller „Sofies Welt“, in dem einem kleinen Mädchen nicht weniger als die gesamte Entwicklung der abendländischen Philosophie erläutert wird. Obwohl es sich bei diesem neuen Werk um ein medienwissenschaftliches Fachbuch handelt, ist das geistesgeschichtliche Panorama, was darin entfaltet wird, ähnlich umfassend: Pädagogik und Medizin, Traumdeutung und Hirnforschung, Plato und Marx, Freud und Gewaltforschung – all das wird herangezogen, um einige Thesen des Herausgebers zu untermalen.


Dieser ist Matthias Steinmann, ein Pionier der Schweizer Fernsehforschung und Innovator der technischen Reichweitenmessung. Seine These: Wenn wir uns vor dem Fernseher setzen, begeben wir uns in eine „zweite Realität“, in einen veränderten Bewusstseinszustand (ähnlich dem Träumen), in dem wir uns aus der physischen Realität des Alltags ausklinken. Der Mensch suche geradezu diese veränderte Realität, am deutlichsten könne man das bei interaktiven Computerspielen beobachten, ähnliches passiert aber auch bei Daily Soaps oder gar Nachrichtensendungen. Besonders empfänglich sind Kinder, wie die Tochter des Herausgebers – die Sophie, die dem Band den Namen gegeben hat.

Steinmanns These des sogenannten „Wirklichkeitstransfers“ ist durchaus interessant, doch bisher wenig erforscht. Das man trotzdem ein dickes Buch damit füllen kann, hängt mit dem Sendungsbewusstsein des Herausgebers zusammen. Dieser möchte das Konzept des Wirklichkeitstransfers in den Medienwissenschaften populär machen. Da aber empirische Forschung dazu fehlt, hat er an der Uni Bern ein Seminar durchgeführt, in dem die Studenten Indizien für seine Thesen in der sozialwissenschaftlichen Grundlagenliteratur gesammelt haben. Die zweifellos guten Seminararbeiten sind in dem Buch im Wortlaut abgedruckt, doch werden die wenigen ursprünglichen Ideen durch sie weniger ergänzt als breitgetreten.

Unabhängig davon, ob das Konzept des Wirklichkeitstransfers tatsächlich so vielversprechend ist, wie Steinmann glaubt – mit diesem Band hat er seinem Anliegen einen Bärendienst erwiesen. Anstatt seine Thesen auf den Punkt zu bringen, gehen sie in der Textmasse unter, vor der auch der gutwilligste Leser früher oder später kapituliert. Ohne die Leistung von Steinmann und seinen Studenten schmälern zu wollen – das ganze Buch kreist zu sehr um sich selbst (beziehungsweise um seinen zu ambitionierten Herausgeber), als das es konkrete Anregungen für weitere Forschungen liefert. Wer das Buch von vorne bis hinten durchliest, wird den Wirklichkeitstransfer wahrscheinlich am eigenen Leibe erfahren: Er wird in ein „Steinmann-Universum“ katapultiert. Dann hätten sich Steinmanns Thesen doch noch bestätigt…

Matthias F. Steinmann (Hrsg.): Sophies zweite Welt – Berner Texte zur Medienwissenschaft Band 9; Bern 2004, 358 Seiten, ISBN 3-9521500-3-7

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