Das ganze Leben ist eine Suche

Buchkritik:
„Der Google-Effekt“ von Douglas C. Merrill u. James A. Martin

Es gibt kaum ein anderes Unternehmen, das im Augenblick so stark im Blickpunkt der Öffentlichkeit steht wie Google. Es wird geliebt, geachtet, gefürchtet, gehasst. Die einen bewundern den ökonomischen Erfolg und schwärmen von einer einzigartigen Unternehmenskultur, die anderen sind erschreckt über die Macht, die Google hat und weiter ausbauen will.
Die Medien beäugen den Konkurrenten überkritisch – was sich in der absurden Diskussion um Google Street View in Deutschland zeigt. Doch etwas unbehaglich wird einem schon, wenn man nachdenkt über Googles marktbeherrschende Stellung im Internet und den fast schon totalitären Anspruch seiner Manager, die mit ihren Services und Produkten das Unternehmen als ständigen Begleiter in allen übrigen Lebensbereichen etablieren wollen.

Ein Beispiel für diese Google-Philosophie ist das Buch „Der Google-Effekt“, geschrieben vom früheren „Chief Information Officer“ von Google, Douglas Merrill. Er hat ein Buch vorgelegt, das sich so gar nicht einordnen lässt: Es ist eine Mischung aus persönlicher Lebensgeschichte, Ratgeber-Buch, populärwissenschaftlichem Sachbuch, Essay über die moderne Informationsgesellschaft und Werbebroschüre für die vielen Service-Angebote des Such-Riesen.

Das Buch will dem Leser Hilfestellungen geben, wie sie ihr Leben und ihre Arbeit besser organisieren und mit der Flut von Entscheidungen und Informationen umgehen können. Deshalb beschreibt er zu Beginn, wie sich die auf uns einströmende Informationsmenge vergrößert hat und wie unser Gehirn Mühe hat, sie zu verarbeiten. Diese Ausführungen werden mit persönlichen Anekdoten und prägnanten Headlines (z.B. „Multitasking funktioniert nicht“) gewürzt. Dann gibt der Autor Tipps zum besseren Organisieren, ähnlich denen, die in der einschlägigen Ratgeber-Literatur zu Selbst- und Zeitmanagement zu finden sind – wobei er hier durchaus wieder eine persönliche Note und eigene Ansichten einbringt.

Doch dann kommt ein langer Teil, der konkret erklärt, wie Internet-Tools einem durch den Alltag helfen. Nicht sehr überraschend ist dabei seine Einschätzung, dass Google Mail – der kostenlose Email-Dienst von Google – das universale Schweizermesser für alle Lebenslagen sei. Keine Ordner (weder virtuell auf dem PC, noch im Aktenschrank), kaum Papier, keine eigene Software: Alle wichtigen Informationen sollen wir als Email an uns selbst schicken, mit Labels versehen und dann einfach mit der Suchfunktion wieer aufrufen, wenn wir sie brauchen. Was immer noch auf Papier steht, wird eingescannt und ebenfalls in das Mega-Archiv von Google-Mail einverleibt. Halbherzig erwähnt Merrill dabei auch andere Anbieter und Programme, doch über seine Vorbehalte gegen Outlook und Co. macht er keinen Hehl.

Irgendwie bekommt der Leser dabei ein komisches Gefühl. Zum einen sind einige Ideen sicherlich hilfreich und lohnen, ausprobiert zu werden. Zum anderen ist der Gedanke, dass mein gesamter Alltag, mein Archiv und mein Kalender auf den Servern von Google zentralisiert werden soll, doch etwas unbehaglich. Aber er ist nur ein konsequentes Weiterdenken dessen, was wir bei unseren Internet-Besuchen schon längst verinnerlicht haben. Das Prinzip des „Googelns“ ist in unserem Online-Leben schon fest etabliert: Anstatt etwas zu archivieren oder zu ordnen, vertrauen wir lieber darauf, dass alles bei einer Ad-hoc-Suche mit der gängigsten Suchmaschine der Welt wieder aus dem Nirwana des Netzes auftaucht.

Der alte Spruch „Wer Ordnung hält, ist nur zu faul zum suchen“ hat sich zur zentralen Maxime unseres persönlichen Wissensmanagements gemausert. Merrill weitet dieses Prinzip auch auf das persönliche, „reale“ Leben aus. Und tatsächlich, flexible Labels sind vielleicht doch besser als starre Ordner, die man nicht wieder findet, wenn man sie in der falschen Kiste ablegt. Und alles an einem Platz zu speichern, zu dem man von überall her Zugriff hat, ist in einer mobilen Gesellschaft sicherlich praktischer als wenn man ohne seine Schreibtischschublade völlig aufgeschmissen ist. Nur daraus ein 320 Seiten dickes Buch zu basteln, ist ein bisschen übertrieben und ermüdet den Leser. Die durchaus vorhandenen wertvollen Tipps muss man sich aus dem Wälzer erst heraussuchen – wie schön wäre da eine Suchfunktion…

Douglas C. Merrill / James A. Martin: Der Google-Effekt – Strukturiert denken im digitalen Zeitalter; Südwest Verlag, München 2010, 320 Seiten, 19,95 €, ISBN 978-3-517-08618-7

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