Das zweckentfremdete Gehirn

Buchkritik
„Das lesende Gehirn“ von Maryanne Wolf

Wenn Sie diesen Satz lesen, dann tun sie tatsächlich viel mehr, als nur Buchstabe für Buchstabe zu entziffern. Sie nehmen zum Beispiel gleichzeitig etwa 14 bis 15 Buchstaben rechts von ihrem Fokus wahr. Damit bekommen Sie schon einen Überblick auf das was kommt, nur ein paar Millisekunden bevor Sie diese Buchstaben fixieren werden, doch ausreichend, um sie dann besser zu verstehen. Überhaupt spielen sich beim Lesen innerhalb von 500 Millisekunden eine Vielzahl von motorischen und kognitiven Prozessen ab.

Ein geübter Leser ist sich dessen allen natürlich nicht bewusst, seine Augen gleiten schwebend über die Buchstaben und Zeilen, er erkennt mühelos Wörter und verbindet sie mit seinem ganzen Wissen über Zeichen, Laute und Bedeutungen. Tatsächlich ist das alles keine Selbstverständlichkeit, denn unser Gehirn wurde von der Evolution nicht darauf vorbereitet, so eine komplexe Kulturtechnik wie Lesen auszuführen. Einen Eindruck von der faszinierenden Welt des Lesens vermittelt die Psychologin Maryanne Wolf in ihrem Buch „Das lesende Gehirn – Wie der Mensch zum Lesen kam und was es in unseren Köpfen bewirkt“.

Jeder, der sich mit Medien beschäftigt, sollte genau über die im Untertitel genannten Punkte einmal nachdenken. Wolfs Buch eignet sich gut dazu: Sie liefert eine abwechslungsreiche Mischung aus Neuropsychologie, Evolutionstheorie, Sprach- und Schriftgeschichte, persönlichen Erlebnissen und literarischen Zitaten und Anekdoten. Der erste Teil des Buches zeigt auf, wie aus Keilschrift und Symbolen die ersten Alphabete entstanden sind – eine Leistung, die man gar nicht hoch genug einschätzen kann.

Denn durch ein nahezu perfektes Alphabet wie dem griechischen war es erstmals möglich, Laute mit Buchstaben zu verknüpfen und jedes Wort der gesprochenen Sprache auch aufzuschreiben – der Start einer Explosion des Wissens und des gesellschaftlichen Fortschritts. Im zweiten Teil wird mit neuropsychologischer Genauigkeit rekonstruiert, was beim Lesen im Gehirn passiert und wie Kinder Lesen lernen. Tatsächlich arbeitet eine Vielzahl von Gehirnarealen beim Lesen mit – sie alle haben sich ursprünglich für ganz andere Aufgaben entwickelt, etwa der Objekterkennung in der physischen Welt, und wurden für das Lesen zweckentfremdet.

Sieht man die Komplexität der Vorgänge im lesenden Gehirn, dann erscheinen einem die simplen Wahrheiten der Neuromarketing-Literatur so grob und einfach, so dass die Frage bleibt, ob sie tatsächlich eine adäquate Beschreibung komplizierter Verstehens- und Verhaltensprozesse sein können. Das wird im letzten Teil noch einmal verstärkt, der sich mit Lesestörungen wie Legasthenie befasst – ein Leiden, dessen neuronalen Grundlagen trotz intensiver Bemühungen bis heute nicht zweifelsfrei geklärt wurden.

Auch wenn die Autorin in einigen Abschnitten tief in die neuropsychologische Fachsprache eintaucht, so ist doch ihr Buch für Psychologie-Interessierte verständlich und leicht zu lesen. Die Behandlung eines Themas, dass Wolf in ihrem Vorwort anschneidet, bleibt sie jedoch schuldig: Über die Auswirkungen, die Bildschirmmedien wie Internet und Fernsehen auf die Struktur unseres vom Lesen geprägten Denkens haben, findet man außer einiger eher spekulativer Befürchtungen wenig Erhellendes. Immerhin sind Lesen und Schrift noch die dominanten Kommunikationstechniken im Internet – obwohl Fernsehkritiker vor Jahrzehnten schon eine Zukunft des Analphabetismus an die Wand malten. Lesen ist also nach wie vor aktuell, weshalb es lohnt, sich mit seinen Grundlagen auseinander zu setzen.

Maryanne Wolf: Das lesende Gehirn – Wie der Mensch zum Lesen kam – und was es in unseren Köpfen bewirkt; Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg 2009, 348 Seiten, 26,95 €, ISBN 978-3-8274-2122-7

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