Der Mensch ist doch ein Herdentier

Buchrezension
„Die Macht öffentlicher Meinung – und warum wir uns ihr beugen“ von Erich Lamp

Viele Internet- und Social-Media-Aktivisten schwärmen von der Schwarm-Intelligenz. Sie funktioniert nach der Logik, dass sich die Mehrheit nicht irren kann – was viele für Richtig halten, wird schon richtig sein. Kein Journalist oder Programmdirektor habe zu entscheiden, was interessant ist und was nicht, sondern jeder Einzelne – und die Aggregation dieser Einzelmeinungen zeigt, was die Menschen wirklich interessiert. Und was viele interessiert, wird wahrscheinlich auch mich interessieren. Es ist geistesgeschichtlich ein eher neues Phänomen, dass diese Art von Massengeschmack und Herdentrieb als etwas Positives dargestellt wird.

Denn die Beobachtung, dass der Mensch sich an anderen Menschen orientiert, ist keine neue Erkenntnis – aber eine, die nicht so ganz in unser individualistisches Zeitalter passt. Wir glauben ja alle, wir sind selbstbestimmte Individuen, einzigartige Persönlichkeiten und immun dagegen, einfach mit der Meute zu heulen. Tatsächlich sind wir aber ängstlich darauf bedacht, eben NICHT aus dem Rudel auszuscheren. Das ist eine der zentralen Erkenntnisse des Buches „Die Macht öffentlicher Meinung – und warum wir uns ihr beugen“.

Der Kommunikationswissenschaftler Erich Lamp fasst hier die wichtigen Befunde der Forschung zum Thema öffentliche Meinung knapp und anschaulich zusammen. Er macht dabei einen großen Rundumschlag der verschiedenen Forschungsrichtungen – von der antiken Philosophie bis zur klassischen Sozialpsychologie, von historischen Berichten über den Pranger zur Volkskunde und Brauchtum, von Selbstexperimenten hin zu modernen Verfahren der Gehirnforschung.

Dabei arbeitet er klar heraus, dass der Begriff „Öffentliche Meinung“ sich über die Zeit verändert hat: In früheren Jahrhunderten war der Begriff ganz klar verbunden war mit Sitten, Normen und Verhaltensvorgaben, die den Einzelnen dazu „zwangen“ sich der Mehrheit zu beugen und sich in die Gemeinschaft einzuordnen. Erst im Zeitalter der Aufklärung kam eine neue Bedeutung hinzu: Die Vorstellung einer kritischen Öffentlichkeit von Intellektuellen, die in Salons und Journalen über Kunst und Politik räsonieren.

Lamps Verdienst ist es, die ursprüngliche Bedeutung der öffentlichen Meinung als sozialem Kit wieder ins Bewusstsein zu rücken. Wie unmittelbar und mächtig sie in unserem alltäglichen Leben ist, belegt er überzeugend anhand der Befunde aus zwei Forschungstraditionen – der Neurowissenschaft und der Peinlichkeits-Forschung.

Studenten haben umfangreiche Selbstexperimente durchgeführt und von ihren Erfahrungen, Gedanken und Gefühlen dabei berichtet. Sie sollten bewusst gegen Normen und Konventionen in der Öffentlichkeit zu verstoßen, also etwas Peinliches machen – etwa lautes Singen auf einem öffentlichen Platz. Die Versuchskaninchen berichteten übereinstimmend, dass sie die Aufgabe vorher unterschätzt hatten – was sich leicht anhörte, kostete sie viel Überwindung und führte zu starken emotionalen Reaktionen.

Dies spiegeln auch Ergebnisse neurowissenschaftlicher Forschung wieder: Verstöße gegen die soziale Natur des Menschen – isoliert sein, ignoriert oder ausgelacht zu werden – verarbeitet das Gehirn ähnlich wie körperliche Schmerzen. Jemanden soziale Schmerzen zuzufügen sei deshalb mindestens so grausam wie jemanden verwunden oder physisch zu foltern – eine These von Lamp, die er sogar auf das Straf- und Medienrecht ausdehnt, insbesondere beim Persönlichkeitsschutz von Menschen, die im öffentlichen Interesse stehen (etwa Politiker oder Sportler).

Lamps Überlegungen sind bedenkenswert, allerdings hat das Buch ein Manko: Ein großer Teil der Forschung, die er referiert, fand noch im vergangenen Jahrhundert statt. Welchen Einfluss Fernsehen und Internet auf die Entwicklung unserer Peinlichkeitsschwellen und der Wahrnehmung von sozial angemessenen oder unangemessenen Verhalten haben, wird in dem Buch kaum behandelt.

Wenn wir in Nachmittags-Talkshows oder in abgedrehten Youtube-Videos jedes denkbare exzentrische oder absurde Verhalten bewundern können, wird dadurch unser Peinlichkeitsempfinden verändert? Werden wir gegenüber sozialem Druck selbstbewusster, wenn wir unsere Selbstbehauptung üben können, und zwar in der relativ sicheren virtuellen Umgebung von Social Networks? Dort können wir agieren, ohne gleich die ungebremste Wucht der sozialen Missbilligung am eigenen Leib zu erfahren. Wenn ich schon nicht dem Druck der öffentlichen Meinung trotzen kann, dann vielleicht mein Avatar? Und schließlich: Schafft unsere Gesellschaft nicht einen Zwang zum Individualismus, der vielleicht ähnlich stark werden kann wie der Druck zum Konformismus, der Jahrhunderte lang die Macht der öffentlichen Meinung ausgemacht hat?

Solche Fragen beantwortet das Buch nicht, doch die Lektüre regt an, darüber selbst nachzudenken. Auf jeden Fall lenkt das Buch von Erich Lamp den Blick auf die „Schattenseiten der menschlichen Natur“ (so der schon recht düstere Untertitel) – eine erfrischende Perspektive in den Zeiten, in denen ansonsten das euphorische Bejubeln der Schwarm-Intelligenz vor zu herrschen scheint.

Erich Lamp: Die Macht öffentlicher Meinung – und warum wir uns ihr beugen: Über die Schattenseite der menschlichen Natur; Olzog Verlag, München 2009, 174 Seiten, 22,00 €, ISBN 978-3-7892-8321-5

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