Die Cloud liegt unterm Straßendreck

Buchkritik:

„Kabelsalat – Wie ich einem kaputten Kabel folgte und das Innere des Internets entdeckte“ von Andrew Blum

Ich schreibe diesen Text in meinem Büro in der Hanauer Landstraße in Frankfurt. Vor meinen Fenster rauscht der Berufsverkehr vorbei, nur wenige Meter weiter werden unzählige Container auf Eisenbahnzüge verladen, auf dem nahegelegenen Main schippern Frachtschiffe, und über meinem Kopf setzt ein Flugzeug nach dem anderen zur Landung auf dem Flughafen an. Frankfurt ist und war schon immer ein Knotenpunkt und eine Durchgangsstation für jede Art von Verkehr.Doch diese Mengen an Autos, Zügen, Schiffen und Flugzeugen sind nichts im Vergleich zu dem, was nur wenige hundert Meter von meinem Büro passiert: In einem unscheinbaren Gewerbegebäude befindet sich ein mit Glasfaserkabeln und Routern vollgestopftes Rechenzentrum, das einer der größten Internet-Knotenpunkte der Welt ist. 800 Gigabyte werden hier in jeder Sekunde durchgeschleust, nirgendwo sonst auf der Welt kommen so viele Daten zusammen, um danach wieder E-Mails und Websites in alle Welt zu tragen.

Im Gegensatz zum Auto- und Flugverkehr passiert das fast lautlos (Krach machen nur die Kühlmaschinen, welche die Server und Router vor Überhitzung schützen), und die meisten Menschen ahnen nichts davon. Auch ich wusste nichts von diesem überaus wichtigen physischen Stützpunkt des Internets in meiner Nachbarschaft, bis ich ein Buch gelesen habe: „Kabelsalat – Wie ich einem kaputten Kabel folgte und das Innere des Internets entdeckte“.

Der amerikanische Journalist Andrew Blum ist der Verfasser dieser Reisebeschreibung. Als eines Tages sein Online-Zugang im heimischen Haushalt nicht mehr funktionierte, weil ein Eichhörnchen ein Kabel angeknabbert hatte, war sein Interesse an den physischen Grundlagen des Internets geweckt. Er besuchte die Stätten und Menschen, die für das Funktionieren des Internets verantwortlich sind. Und plötzlich wird auch für den Leser das Web konkret. Denn dass wir heute so selbstverständlich E-Mails versenden, bei Facebook posten oder mit Google suchen, funktioniert nur, weil in vielen Gegenden der Welt Glasfaserkabel, Rechenzentren und ganze Fabrikhallen mit Geräten bereitstehen.

Das haben wir mittlerweile vergessen, für uns ist das Web etwas Immaterielles, Körperloses. Deshalb reden wir von der „Cloud“ – einer Wolke, in der unsere Daten gefühlt in himmlischen Sphären über uns dahin schwirren. Doch die Realität ist buchstäblich bodenständiger: Nicht über unseren Köpfen, sondern im Dreck unter unseren Füßen. Ein Gewirr von Kabeln und Röhren, die unter unseren Straßen und teilweise auch auf den Meeresgrund liegen. Der Journalist Blum begleitet u.a. Arbeiter dabei, wie sie solche Kabel im New Yorker Straßenverkehr oder vor der portugiesischen Küste versenken. Er interviewt Netzwerk-Techniker, IT-Spezialisten und andere Nerds, besucht die wenig schmuckvollen Gebäude, oft in der amerikanischen Provinz, in denen die Kabel wie Nervenstränge zusammenlaufen und miteinander verknüpft werden.

Wenn Sie jetzt denken, dass diese Orte wenig glanzvoll sind und eine solche Reise nicht wirklich spannend sei, dann haben Sie absolut Recht. Blums Reise zu den „Monumenten des Internets“ gibt viele Einblicke in die Technik, Struktur und Geschichte des Internets, doch so richtig fesselnd ist sie nicht. Sein gut geschriebenes Buch ist lesenswert, doch vielleicht ein kleines bisschen zu lang, um die Faszination für Fundamente unserer Kommunikationswelt dem Leser zu vermitteln. Aber zumindest kann es unseren Blickwinkel erweitern: Ich gehe jetzt mit einer gewissen Ehrfurcht an dem benachbarten Rechenzentrum vorbei, hinter dessen Mauern das Internet fast greifbar ist.

Andrew Blum: „Kabelsalat – Wie ich einem kaputten Kabel folgte und das Innere des Internets entdeckte“, Albrecht Knaus Verlag, München 2013, 316 Seiten, 19,99 EUR, ISBN 978-3-8135-0388-3.

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