Die geborenen Onliner

Buchkritik:
„Generation Internet. Die Digital Natives“ von John Palfrey und Urs Gasser

Ein neues Schlagwort hat sich etabliert: Die Internet-Branche spricht gerne von den „Digital Natives“ – und wie so oft ist eine deutsche Übersetzung dieses Begriffs schwierig. „Digitale Eingeborene“ sind es natürlich nicht, sondern jene jungen Menschen, die fast von Geburt an mit dem Internet aufgewachsen sind.


Es ist offensichtlich, dass die Jugendlichen, für die das Internet niemals eine Neuheit, sondern immer schon Teil des Alltags war, mit den digitalen Medien anders umgehen als unsere Generationen, die noch die Offline-Version des Lebens kennen. Nicht nur fällt ihnen die Bedienung von Geräten und Software leichter, sie bewegen sich auch sonst viel selbstverständlicher durch die digitale Welt als ihre Eltern und die meisten anderen Erwachsenen.

Und genau dieser Offline-Generation fällt es immens schwer, sich in die Köpfe der „Digital Natives“ hineinzuversetzen. Oft sind es eher Vorurteile und Klischees, die ihre Vorstellung von der Internet-Generation prägen: Die jungen Leute würden vor den Computer vereinsamen, keine „echten“ sozialen Beziehungen eingehen, zu sorglos mit persönlichen Daten umgehen, ihre Zeit mit unnützen aggressiven Spielen vertrödeln, viel zu unkritisch alles glauben, was in Wikipedia steht – die Liste der Bedenken ist lang.

Die Autoren John Palfrey und Urs Gasser versuchen, ein differenzierteres Bild zu liefern. Dazu haben sie eine riesige Menge an Fakten und Erkenntnissen zusammengetragen, die sie in ihrem Buch „Generation Internet. Die Digital Natives: Was sie leben, was sie denken, wie sie arbeiten“ ausbreiten. Dabei bitten sie um Verständnis für die Jugendlichen, die in der digitalen Welt zuhause sind, ohne sie dabei zu idealisieren oder Probleme auszublenden, wozu andere Online-Enthusiasten und Internet-Gurus bisweilen neigen.

Da die Autoren aus dem juristischen Feld kommen, konzentrieren sie sich bevorzugt auf die Themen Sicherheit, Persönlichkeits- und Datenschutz, Urheberrecht und andere rechtliche Probleme. Dabei kommen psychische Verfassung und soziales Verhalten in der Darstellung leider etwas zu kurz. Der Eindruck wird noch dadurch verstärkt, dass die Autoren es nicht schaffen, ihrem Buch eine klare Struktur zu geben. Viele interessante Fakten gehen im auf 350 Seiten ausufernden Fließtext oder im 50seitigen Anhang eher unter. Der Text ist voll mit Wiederholungen, die nicht didaktisch sind, sondern einfach nur überflüssig.

Das Buch ist eine Übersetzung aus dem Amerikanischen, doch leider hat es so gar nichts von der prägnanten und oft brillanten Art anderer Management- und Marketing-Bücher aus den Staaten.
Bei der zeitaufwändigen Lektüre lernt man zwar vieles über die „Digital Natives“, doch richtig plastisch werden sie nicht vor unseren Augen. Hier wurde leider eine Chance vertan, das Porträt einer wichtigen gesellschaftlichen Gruppe zu zeichnen, deren Einfluss in den nächsten Jahren und Jahrzehnten wachsen wird.

John Palfrey/Urs Gasser: „Generation Internet. Die Digital Natives: Wie sie leben, was sie denken, wie sie arbeiten“, Carl Hanser Verlag, München 2008, 440 Seiten, 19,90 Euro, ISBN 978-3-446-41484-6

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