Die neue Wirtschaft – frei und kostenlos

Buchkritik
„Free – The Future of a Radical Price“ von Chris Anderson

The Long Tail“ ist eines der erfolgreichsten Wirtschaftsbücher der letzten Jahre. Autor Chris Anderson, Chefredakteur des US-Magazins „WIRED“, beschrieb darin anschaulich ein wichtiges Prinzip der „Digital Economy“ – nämlich das Anwachsen der Nischenmärkte dank des Internets mit seinen unbegrenzten digitalen Regalplatz und intelligenten Suchfunktionen. Nun hat Anderson ein weiteres Thema gefunden, um seinen Lesern die Unterschiede zwischen der herkömmlichen und der digitalen Wirtschaft zu erklären: In seinem neuen Buch dreht sich alles um das Wörtchen „FREE“.


Oder um genauer zu sein: Es geht darum, Leistungen und Produkte zu verschenken, um damit Geld zu verdienen. Dies sieht nur auf den ersten Blick wie ein Paradoxon aus, denn neu ist das Prinzip natürlich nicht, dass weiß auch Anderson. Kenntnisreich und kurzweilig erzählt er von den verschiedenen historischen Beispielen des „Free“-Business-Modells: Mr. Gillette, der sein damals Proben seines völlig neuartigen Produkts – der Rasierklinge – verschenkte, um damit erst eine Nachfrage schuf. Oder die Radiohersteller der 20er Jahre, die ein kostenloses Radioprogramm finanzierten, damit sie mehr Geräte verkauften.

Und auch unser gutes, altes Mediensystem basiert auf „Free“: Privat-Fernsehen (um nur ein Beispiel zu nennen) kostet den Zuschauer nichts, doch die Sender machen ihr Geld damit, Werbezeiten zu verkaufen. Anderson berichtet aber auch von den neuen Modellen der Gratis-Wirtschaft: Websites, bei denen einige Dienste kostenlos sind, und nur ein kleiner Teil von Premium-Mitglieder Geld in die Kassen bringt. Oder freiverfügbare Basis-Software, die hilft, die kostenpflichtigen Upgrades und andere Produkte der Hersteller zu vermarkten. Oder der faszinierendste Teil der „Free-Economy“: Projekte wie LINUX oder Wikipedia, bei denen Tausende von Freiwilligen mitarbeiten, und dabei keine Dollars, sondern bestenfalls Ansehen und Aufmerksamkeit zu verdienen.

Möglich ist vieles davon nur, weil die Kosten für Speicherung, Rechenleistung und Übertragung von Monat zu Monat sinken. In dem Buch „Free“ werden die technischen Voraussetzungen und der kulturelle Wandel, die zu diesen neuen Formen des Wirtschaftens im Internet führen, spannend und recht nachvollziehbar erläutert. Unterhaltsam zu lesen sind die vielen Anekdoten, etwa wie Unternehmen wie Microsoft oder Yahoo erst schmerzlich lernen mussten, sich auf die neue Gegebenheiten einzustellen. Dabei spitzt Chris Anderson seine Geschichten auf einen Kampf ALT versus NEU zu. Alt ist dabei die herkömmliche Wirtschaft, bei der es um Atome geht (also echte Materie wie Autos oder Rasierklingen), dagegen steht die neue Wirtschaft, wo nur Bits und Bytes verschoben werden.

In dieser Wirtschaftswelt verursacht zum Beispiel jeder Download eines Liedes nahezu keine zusätzlichen Kosten, weshalb viele Bands mittlerweile Musik an ihre Fans verschenken – und trotzdem gut an CDs, Konzerten und Merchandising verdienen. Die Sympathien des Autors liegen bei jenen, die in dieser Welt erfolgreich sind und er listet im Anhang gleich „50 Business-Modelle, die auf ‚Free‘ basieren“ auf. Dieser Blickwinkel ist manchmal etwas einseitig. Wie viele Start-Ups mit ähnlichen Geschäftsideen auf der Strecke geblieben sind, berichtet Anderson nicht. Fragen des geistigen Eigentums und der Copyright-Piraterie wischt er vom Tisch.

Selbst die wuchernde Plagiat-Praxis in China sieht er positiv – schließlich würden gefälschte Markenware nur Bekanntheit und Begehrlichkeit für die Originale erhöhen, und außerdem sei das Plagiieren ein Teil des konfuzianischen Erbes. Seine Philosophie und die gepriesenen Geschäftsmodelle unterzieht Anderson keiner wirklich harten Prüfung, aber das ist auch nicht Zweck des Buches. Es handelt sich nicht um einen Management- oder „Wie werde ich reich“-Ratgeber, auch nicht um eine wissenschaftliche Abhandlung. Vielmehr ist es ein Buch, was uns prägnant vor Augen führen soll, was sich heute durch das Internet schon geändert hat und was noch auf uns zukommt. In dieser Hinsicht ist „Free“ sehr inspirierend und reizt zum Nachdenken und Diskutieren.

Und immerhin gibt es das Buch auch umsonst – allerding nur in der englischen Hörbuchversion, natürlich als kostenfreier Download. Sehr erfreulich ist, dass „Free“ auch schon in deutscher Übersetzung vorliegt – bei Andersons Erstling „The Long Tail“ musste das deutsche Publikum wesentlich länger warten.

Chris Anderson: Free – The Future of a Radical Price; Hyperion, New York 2009, 274 Seiten; ca. 19,00 €, ISBN 978-1-4013-1001-1

Deutsche Ausgabe:
Chris Anderson: Free – Kostenlos: Geschäftsmodelle für die Herausforderungen des Internets; Campus Verlag, Frankfurt am Main 2009, 288 Seiten; 39,00 €, ISBN 978-3-5933-9088-8

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