Die wirklich wichtigen Fragen

Buchkritik:
Wer bin ich…“ von Richard David Precht
Mit Büchern in den Bestseller-Listen muss man oft vorsichtig sein. Was vielen gefällt, entspricht nicht selten nur dem kleinsten gemeinsamen Nenner und lohnt nicht immer die Lektüre. Das vorliegende Werk benötigt eigentlich keine weitere Promotion mehr; seitdem es Elke Heidenreich in ihrer Fernsehsendung dem Publikum ans Herz gelegt hat, sind die Verkäufe in die Höhe geschossen. Wieso eigentlich noch eine Rezension an dieser Stelle, zumal es sich auch nicht um ein Fachbuch über Medienforschung oder Marketing handelt? Nun, das Buch „Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?“ von Richard David Precht liefert mehr als nur Fachwissen: Es gibt Orientierung. Und es macht genau da weiter, wo viele andere Bücher aufhören.


Psychologen und Neuromarketing-Gurus neigen dazu, ihre Erkenntnisse als neu und revolutionär zu verkaufen. Precht ist Philosoph, doch er ist auf dem neuesten Wissensstand der Neuroforschung. Er weiß genau über die Befunde der Gehirnforschung und Psychologie Bescheid und kennt sich auch mit den biologischen und evolutionären Grundlagen des Lebens aus. Dieses Wissen stellt er in Zusammenhang mit den Gedanken der großen Philosophen aus zwei Jahrtausenden: Was hat noch Bestand am Denken von Kant, Spinoza oder Freud? Durch diesen Kniff werden viele abstrakte Neuro-Modelle und saloppe Neuromarketing-Parolen ins rechte Licht gerückt.

Doch der Autor geht noch einen Schritt weiter: Er überlegt sich nicht nur die erkenntnistheoretischen Konsequenzen, sondern diskutiert auch ethische Fragen. Was bedeutet es denn, wenn wir heute mehr über die Entwicklung des Menschen wissen – von der Befruchtung bis zum Versagen der Gehirnfunktionen? Bin ich noch verantwortlich für das, was ich tue, wenn mein Denken und Verhalten nur eine Folge von körperlichen Funktionen und neuronalen Zuständen ist? Es ist wichtig, gelegentlich über seinen Tellerrand hinaus zu schauen. Auch als Marketingexperte oder Marktforscher kann und sollte man Diskussionen über Ethik oder unser Menschenbild nicht einfach aus dem Weg gehen. Precht lädt dazu ein, sich einmal mit den wichtigen Problemen unserer Existenz auseinander zu setzen – und nicht nur mit der Frage, wie man Kunden dazu bringen kann, noch ein bisschen mehr Geld für irgendein Produkt auszugeben.

Im Gegensatz zu den meisten anderen populär-philosophischen Büchern ignoriert er aber die moderne Wissenschaft nicht, deshalb ist sein Buch so überaus ergiebig. Der Nutzwert geht dabei deutlich über jedes x-beliebige Management-Buch hinaus. Hinzu kommt ein entspannter Schreibstil, ohne einer Bildungshuberei zu frönen oder unpassend salopp zu sein. Ein Lesevergnügen, bei dem der Leser mehr über sich selbst und die Menschen erfährt – und etwas über Menschen zu erfahren ist ja schließlich auch Aufgabe von Markt- und Mediaforschern…

Richard David Precht: „Wer bin ich – und wenn ja, wie viele? Eine philosophische Reise“, Goldmann Verlag, München 2007, 398 Seiten, 14,95 EUR, ISBN 978-3-442-31143-9

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