Schöne Grüße aus Alzheim

Buchkritik:

„Digitale Demenz“ von Manfred Spitzer

Der große Schriftsteller und Zeichentheoretiker Umberto Eco hat bereits in den 60er Jahren in einem lesenswerten Essay über wiederkehrende Muster in der kritischen Auseinandersetzung mit Medien geschrieben. Er identifizierte zwei Arten, wie man mit Medienkritik umgeht: Die Apokalyptiker sind jene, die immer nur die negativen Einflüsse der Medien sehen – und ihnen gleichzeitig eine Allmacht unterstellen. Man findet sie unter den konservativen Kulturpessimisten genauso wie bei den linken Gegnern der „Bewusstseins-Industrie“.

Auf der anderen Seiten sind die Integrierten: Sie arbeiten in der einen oder anderen Form innerhalb des Mediensystems und sehen deshalb eher die positiven Aspekte – den Apokalyptikern halten sie entgegen, dass die Medien gar nicht so mächtig seien und man niemals den freien Willen der Nutzer unterschätzen sollte. Gerne weisen sie auch darauf hin, dass jede Neuerung von den Apokalyptikern früherer Zeiten immer verdammt wurde – so meinte schon Platon, die Schrift würde das Gedächtnis der Menschen degenerieren lassen. Der Streit zwischen Apokalyptikern und Integrierten bestimmt die Diskussion um Medien seit jeher – und kann im Augenblick wieder mustergültig beobachtet werden.

„Digitale Demenz“ nennt der Arzt und Neurowissenschaftler Manfred Spitzer sein neues Buch, in dem er über die negativen Auswirkungen von Internet, Games und Fernsehen berichtet. Dabei schlüpft er in die Rolle des Apokalyptikers, der mit Polemik, Vehemenz und Weltuntergangspathos die Gefahren speziell für unsere Kinder heraufbeschwört. Und in den berichtenden Medien kommen zahlreiche „Integrierte“ zu Worte, die in Talkshow, Buchbesprechungen, Essays und Interviews abwiegeln, beruhigen und Spitzer als ewig gestrigen Technikfeind und Medienlaien angreifen. Bei diesem ritualisierten Diskurs werden die typischen Argumentationsmuster aktiviert und man konzentriert sich eher auf die polemischen Teile des.

Es wäre müßig, hier mit einzustimmen, denn der erneute Schlagabtausch zwischen Apokalyptikern und Integrierten bringt wenig Aspekte in die Diskussion, die nicht auch schon Umberto Eco vor 45 Jahren identifizierte. Manfred Spitzer sieht sein Buch übrigens trotz aller Polemik als einen eher sachlichen Beitrag, da er eine Vielzahl von wissenschaftlichen Studien referiert. Und hier liegt Spitzers unbestreitbares Talent: Wie ein guter Nachhilfelehrer kann er anschaulich Befunde und Theorien aus der Wissenschaft auch den Lesern ohne viel Vorwissen verständlich machen. Zu nennen wäre da aus seiner sehr umfassenden Publikationsliste besonders das Sachbuch „Lernen“. Und in vielen Kapiteln seines Buches „Digitale Demenz“ kommt dieses Talent auch gut zum Einsatz.

Er berichtet beispielsweise von interessanten psychologischen Experimenten, die das Abspeichern von Wissen erforschen – es macht anscheinend einen Unterschied, ob wir etwas lesen, von dem wir wissen, dass es irgendwo im Internet immer verfügbar sein wird. Dann merken wir uns die Informationen nämlich schlechter als wenn wir davon ausgehen, dass wir sie künftig nicht mehr so leicht nachlesen können. Aus diesen durchaus bemerkenswerten Befunden leitet Spitzer seine „Digitale Demenz“ ab und fordert, dass Computer und andere Bildschirmmedien nichts im Schulunterricht zu suchen hätten, da sie das Lernen der Kinder nicht fördern, sondern behindern. Neuronen, so Spitzer, sind ein bisschen wie Muskeln – sie werden durch den Gebrauch gestärkt oder verkümmern.

Wenn bestimmte Gehirnareale nicht mehr richtig trainiert werden, verkümmern sie. So aufschlussreich einige dieser Kapitel und Abschnitte auch sind, das Buch als Ganzes ist allerdings alles andere als gelungen – zu viel wird hier in einen Topf geschmissen: Populärwissenschaft mit Polemik, Argumente mit Anekdoten, Aufklärung mit Aufgeregtheit. Hätte Spitzer sich auf wenige Thesen (wie die der „digitalen Demenz“) konzentriert, anstatt zum Rundumschlag gegen alles auszuholen – von Facebook und Fernsehen bis zu Google und Gaming – dann hätte er vielleicht auch einige der Medien-Integrierte zum Nachdenken gebracht. So hat er nur ein Traktat für Apokalyptiker geschrieben.

Manfred Spitzer: Digitale Demenz – Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen; Droemer Verlag, München 2012, 366 Seiten, 19,99 €, ISBN 978-3-426-27603-7

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