Eine Generation vernetzter Stubenhocker?

Buchkritik:

„Jugend 2015 – 17. SHELL Jugendstudie“ von Mathias Albert et al. (Hrsg.)

Alle Jahre wieder kommt eine neue Shell-Jugendstudie heraus. Für die einen ist es ein Klassiker des Content-Marketings, andere fragen sich, warum ausgerechnet ein Mineralöl-Konzern sich so für die deutsche Jugend interessiert.

Doch eines muss man trocken feststellen: Mit bis heute 17 Wellen ist die von Shell finanzierte Jugendstudie eine der wertvollsten Quellen, wenn es darum geht, mehr über den Status der jugendlichen Lebenswelten zu erfahren – und damit auch ein besseres Verständnis für gesellschaftliche Entwicklungen zu bekommen. Die Ergebnisse der neusten Welle sind jetzt als Taschenbuch erschienen – ein mehr als 400 Seiten starkes Kompendium über den Ist-Zustand der Jugendlichen und jungen Erwachsenen zwischen 12 und 25 Jahren. Der Befund, dass die Jugend heute wieder politisch interessierter ist (aber gleichzeitig nur ein geringes Vertrauen in politische Parteien hat), schaffte es in die Nachrichten und zeigt, wie facettenreich die Studie angelegt ist – auch Fragen zu Bildung, Familie, Wertorientierungen, nationaler Identität sind enthalten.

An dieser Stelle wollen wir uns aber nur mit dem Thema Freizeit und Mediennutzung beschäftigen. Die Bedeutung des Internets zeigt sich in den neuen Daten noch einmal eindrucksvoll: 99 Prozent der 12- bis 25jährigen haben Zugang zum Internet, 2002 waren es nur 65 Prozent. Dabei ist zu beachten, dass im Vergleich zu früheren Wellen der pure Online-Zugriff nicht mehr schichtabhängig ist. Während es vor einigen Jahren zum Teil große Unterschiede zwischen Jugendlichen aus den unteren und oberen Schichten gab, sind heute alle online. Doch gibt es nach wie vor Differenzen in der Intensität der Nutzung und der bevorzugten Angebote. So wird z.B. in den oberen Schichten wird das Internet stärker für Recherchen und Info-Suche genutzt. Auch der mobile Zugriff via Smartphone ist bei den Wohlhabenden verbreiteter – die „digitale Spaltung“ der Gesellschaft ist also noch nicht überwunden.

Schaut man sich die Nutzung anderer Medien und Freizeitangebote an, hat sich in dem letzten Jahrzehnt gar nicht so furchtbar viel verändert, doch gibt es eine leichte abnehmende Tendenz in vielen Bereichen. 2002 haben 66 Prozent „Musik hören“ zu ihren fünf wichtigsten Freizeitbeschäftigungen gezählt, 2015 nur 54 Prozent. Auch die Nennungen für Fernsehen sind in dieser Zeit von 59 auf 51 Prozent gesunken, die für Zeitschriften von 13 auf 6 Prozent. Diese Verschiebung geht aber nicht nur auf Kosten des Internets: „Etwas mit der Familie unternehmen“ ist im gleichen Zeitraum von 16 auf 24 Prozent gestiegen. Hingegen wird „In die Disco, zu Partys und auf Feten gehen“ heute nur noch von 21 Prozent der Jugendlichen genannt, 2002 waren es noch 34 Prozent. Haben wir es mit einer Generation von Muttersöhnchen und Stubenhockern zu tun? Dämpft der ständige Social-Media-Kontakt mit der Peer-Group das Bedürfnis zu feiern? Und macht es den Familienausflug erträglicher?

Hier weisen die Forscher der Shell-Studie eher auf eine Konstanz der Freizeitmuster hin und präsentieren eine Freizeittypologie, die Gesellige, Medien-Freaks, Familienorientierte und eine „kreative Freizeitelite“ ausweist. Die Lektüre des Berichtsbandes ist eine spannende Angelegenheit – aber nicht alle Widersprüche lassen sich aufklären (etwa, wenn es um das ambivalente Einstellung zu Datensicherheit und das Vertrauen zu den Googles und Facebooks dieser Welt geht), weil sie nicht nur in den Daten, sondern auch in den Köpfen zu finden sind.

Mathias Albert / Klaus Hurrelmann / Gudrun Quenzel / TNS Infratest Sozialforschung (Hrsg.): Jugend 2015 – 17. SHELL Jugendstudie; Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2015, 446 Seiten,19,99 €, ISBN 978-3-5960-3401-7

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