Das Software-Design bestimmt das Bewusstsein

Buchkritik

„Gadget – Warum die Zukunft uns noch braucht“ von Jaron Lanier

Die Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels ist jedes Jahr ein intellektuelles Ereignis und die Jury hat schon öfters überraschende Entscheidungen getroffen. Auch der diesjährige Preisträger ist in der Reihe seiner Vorgänger eher ungewöhnlich: Er ist kein traditioneller Intellektueller, kein Geisteswissenschaftler, Philosoph, Schriftsteller oder Künstler. Er hat vielseitige Talente, doch in erster Linie ist er ein Software-Programmierer. Dafür bekommt er allerdings nicht den renommierten Friedenspreis, sondern für eines seiner vielen Nebentalente: Jaron Lanier ist nicht nur Musiker, Instrumentensammler und Forscher, sondern auch Autor von Büchern, die in das Regal „Medienkritik“ eingeordnet werden. Nun mag es auf den ersten Blick nicht verwundern, dass ein Internet-Skeptiker einen Preis der Buchbranche bekommt, doch Lanier ist weit davon entfernt, eine krude Kulturkritik zu liefern, die etwa eine „digitale Demenz“ beklagt.

Der Mann ist vielschichtiger und widersprüchlicher, als dass man ihn nur auf die Rolle eines Medien-Apokalyptikers reduzieren könne. Sein jüngstes Buch „Wem gehört die Zukunft“ ist gerade veröffentlicht worden, doch hier möchte ich mich seinem ersten widmen, das vor einigen Jahren erschien und im Original den Titel „You are not a Gadget“ trägt. Laniers Perspektive ist spannend, da er seinen Gegenstand von innen heraus kritisiert. Andere Medienkritiker nahmen die Perspektive des externen Beobachters ein – der Neurologe Spitzer, der das Internet kritisiert, oder der Pädagoge Postman, der seinen Blick auf das Fernsehen richtete.

Lanier weiß wovon er spricht, und er geht ganz tief rein in die Grundlagen der Software-Entwicklung – nicht die technischen, sondern eher die philosophischen (aber keine Angst, das Buch hat rein gar nichts mit einem Fachtext zu tun). Ein wichtiger Begriff ist der des Lock-In – eine Technik setzt sich, warum auch immer, als Standard durch und beeinflusst dadurch die weitere Entwicklung.

Deshalb schreiben wir heute noch auf einem Keyboard, das für mechanische Schreibmaschinen entwickelt wurde, um ein Verheddern der Typen durch zu schnelles Tippen zu verhindern. Lanier, der ein begeisterter Musiker ist, erklärt das an einem Datenformat für Töne, das eingeschränkter ist als das wirkliche akustische Spektrum, was die Komposition elektronischer Musik limitiert. Seiner Meinung nach ist die Software-Grundlage für das Social Web ein ähnliches Hemmnis für Kreativität und Individualität. Facebook stellt eben nur ein beschränktes Formular zur Verfügung, wie man sich selbst im Internet präsentieren kann.

Auch die Anonymität, die in vielen sozialen Netzwerken und Kommentar-Funktionen möglich ist, fördert nach Laniers Ansicht negative Phänomene wie Cyber-Mobbing. Was andere Internet-Propheten immer loben, nämlich die Schwarmintelligenz der Vielen, sieht Lanier als eine Bedrohung, da hier der Mensch nicht als Person angesehen wird. Außerdem sei ein Schwarm nicht zu Höchstleistungen fähig; so bastle die Open-Source-Gemeinde zwar die eine oder andere Verbesserung in die veraltete Linux-Software, aber das iPhone habe sie nicht erfunden. Wenn er von den „Herren der Computer-Cloud“ oder dem „kybernetischen Totalitarismus“ spricht, dann klingt das eigentlich nach recht traditionellen Mustern der Technik-Kritik – schon Karl Marx sprach hier von Entfremdung.

Doch Laniers Buch ist lesenswert, weil er nicht bei der Kritik stehenbleibt, sondern versucht, Begeisterung für eine vom Software-Design ungezügelte Kreativität zu vermitteln – etwa indem er über virtuelle Realität, automatische Gesichts- und Geruchs-Erkennung oder die besonderen Camouflage-Fähigkeiten von Tintenfischen erzählt. Man merkt seinen Texten an, dass sie in anderen Kontexten – Blogs, Kolumnen, Vorträgen – entstanden sind, denn dem Buch fehlt ein wirklicher roter Faden, die Gedanken springen hin und her. Doch das macht genau die Individualität des Buches und seines Autors aus – was wiederum seine These unterstreicht: Wir sind mehr als nur die Peripherie-Geräte einer Computer-Cloud – „You are not a Gadget.“

 

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