Der Hirschhausen-Effekt

Buchkritik:

„Ich denke, also spinn ich“ von Jochen Mai u. Daniel Rettig

Kennen Sie Ignaz Semmelweis? Er war im 19. Jahrhundert ein Pionier der Medizin, der auf einen Sachverhalt hinwies, der uns heute so selbstverständlich erscheint – nämlich das Ärzte sich die Händewaschen müssen, damit sie nicht Infektionen von einem Patienten auf den anderen übertragen. Für diese Erkenntnis erntete Semmelweis zu Lebzeiten nur Hohn, Spott und Ablehnung der Ärzte-Zunft, was zu seinem Karriere-Aus führte.

Die Reaktion seiner Kollegen – eine neue, fortschrittliche Idee, welche alte Gewohnheiten in Frage stellt, abzulehnen, ohne dabei die wissenschaftlichen Belege zu beachten – wird seitdem als Semmelweis-Effekt bezeichnet. Dadurch hat es Ignaz Semmelweis auch in das Buch „Ich denke, also spinn ich“ gebracht. Die Journalisten Jochen Mai und Daniel Rettig haben über 120 Theorien und Erkenntnisse gesammelt, die in der Wissenschaft oder in der Alltagssprache mit einer Bezeichnung wie „Der XY-Effekt“ bekannt sind. Im Grunde ist es eine Sammlung aus unterhaltsamen Kurztexten, die sich einem Phänomen – meist aus der Psychologie und Verhaltenswissenschaft – annehmen. Einige dieser beschriebenen Effekte sind uns wohlbekannt, auch wenn wir deren Namen bisher nicht kannten – meist sind sie nach den eher unbekannten Forscher benannt, der sie als erstes beschrieb oder nach einer Analogie aus der amerikanischen Alltagskultur (denn die meiste psychologische Forschung wird in den USA betrieben).

Manchmal ist die Geschichte der Benennung auch interessanter als der benannte Effekt: Etwa beim Coolidge-Effekt, der besagt, dass Männer ab und zu nach neuen Sexualpartnerinnen Ausschau halten – er wurde nach dem US-Präsidenten Coolidge benannt, aber nicht wegen dessen Untreue (Nun fragen Sie sich sicherlich: Warum dann? Nun ja, diese Anekdote sollten Sie ruhig selbst lesen). Bei der Lektüre der vielen Texte lernt der Leser einiges über Psychologie und menschliches Verhalten und ist gleichzeitig gut unterhalten. Unterhaltung ist auch das Ziel des Buches – deshalb der alberne Titel „Ich denke, also spinn ich“, der mit dem Inhalt so gar nichts zu tun hat, aber wahrscheinlich Assoziationen an Comedy-Bestseller wie „Die Leber wächst mit ihren Aufgaben“ hervorrufen soll.

Auch die schiere Masse an behandelten Themen und der oft etwas gewollt witzelnde Stil laden zu einer Fast-Food-Lektüre ein, bei denen der Unterhaltungswert über den Erkenntniswert steht. Diese Nummern-Revue mit Bildungsanspruch vereinigen zwei Grundbedürfnisse: Man kann sich ohne großes Nachdenken amüsieren und hat gleichzeitig das gute Gefühl, etwas für seine Bildung zu tun. Wer möchte sich schon dabei erwischen lassen, sich unter seinem Niveau zu vergnügen? Diese geniale Beobachtung möchte ich ab sofort als „Hirschhausen-Effekt“ zu Protokoll geben. „Ich denke, also spinn ich“ ist ein typisches Produkt des Hirschhausen-Effekts, das vielleicht aber auch als Einstiegsdroge für ein differenzierteres Beschäftigen mit der Psychologie dienen kann.

Jochen Mai / Daniel Rettig: Ich denke, also spinn ich – Warum wir uns oft anders verhalten, als wir wollen; Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2011, 382 Seiten, 14,90 €, ISBN 978-3-423-24873-0

 

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