Klüger durch Fernsehen und PC-Games?

Buchkritik:
„Neue Intelligenz – Warum wir durch Computerspiele und TV klüger werden“ von Steven Johnson

Bei dem folgenden Buch kann man sich den Eindruck nicht erwähren, es handelt sich in erster Linie um eine Provokation. Der amerikanische Originaltitel macht das noch deutlicher: „Everything bad is good for you“ – alles Schlechte ist gut für Dich. Der deutsche Verlag – wohl wissend über den intellektuellen Zeitgeist in Deutschland – milderte das ab in „Neue Intelligenz“.


Doch schon der Untertitel hat auch im Deutschen eine provokative Kraft: „Warum wir durch Computerspiele und TV klüger werden“. Eine unerhöhte These, bedenkt man, dass ansonsten nur Sachbuchtitel wie „Vorsicht Bildschirm!“, „Die Wüste Internet“ oder „Wir amüsieren uns zu Tode“ Chancen auf den lukrativen Taschenbuchmarkt haben. Steven Johnson behauptet, ein Ansteigen der Durchschnittwerte bei dem standardisierten Intelligenztest hat seine Ursache darin, dass unsere Unterhaltungsprodukte immer komplexer werden und so bestimmte Fähigkeiten trainieren.

Komplexe Computerspiele (nicht die einfachen Baller- und „Jump & Run“-Spielchen) haben komplizierte Regeln, die man erst beim Spielen erlernt – dadurch trainieren wir, solche Regeln auch im wirklichen Leben herauszufinden. TV-Serien wie „24“ sind in Erzähltechnik, Personendarstellung und Montage anspruchsvoller wie die kühnsten Avantgarde-Filme der Vergangenheit – und sprechen gleichzeitig ein Massenpublikum an, dass es versteht, diese Art TV-Unterhaltung zu dechiffrieren. Johnsons Argumentation ist größtenteils schlüssig, vergnüglich geschrieben und inspiriert durch aktuelle Befunde aus der psychologischen Forschung.

Ein Plus des Buches besteht in den prägnanten Beschreibungen aus der Welt der Unterhaltungsmedien (die viele Forscher und Kulturpessimisten ja gar nicht aus eigener Anschauung kennen). Wieso sind Jugendliche – denen man Lesefaulheit und Konzentrationsschwäche nachsagt – eigentlich mit Begeisterung dabei, 40 Stunden lang eher stupide PC-Games mühselig im Tiral&Error-Verfahren zu erkunden oder sich sogar durch Handbücher in Telefonbuchdicke durchzubeißen? Der Autor beobachtet genau und berichtet kenntnisreich aus einer Welt, die viele seiner Leser vielleicht nur vom Hören-Sagen kennen.

Des Weiteren verknüpft er viele auf den ersten Blick unzusammenhängende Einzelbefunde der Forschung zu einem großen Gesamtbild. Aber auch wenn bei kritischer Lektüre die Korrelation zwischen dem Anstieg der Intelligenz (übrigens die These mit den schwächsten Belegen) und dem Anstieg der Komplexität unserer Unterhaltung alles andere als eindeutig ist, so bietet „Neue Intelligenz“ eine erfrischend neue Sichtweise auf Medienwirkungen, jenseits der gängigen Klischees der medienfeindlichen Kulturkritik.

Steven Johnson: „Neue Intelligenz – Warum wir durch Computerspiele und TV klüger werden“; Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2006; 238 Seiten, 8,95 €, ISBN 3-462-03663-7

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