Medientheorie und Romantik

Buch- und Filmempfehlung:
„Der Glöckner von Notre-Dame“ von Victor Hugo

Die Pfingstfeiertage habe ich genutzt, meine aktuelle Bett-Lektüre endlich zuende zu lesen. Es handelt sich um einen Klassiker der französischen Literatur, „Der Glöckner von Notre-Dame“ von Victor Hugo. Es ist sicherlich ein Muster-Roman der Romantik, voll von überzeichneten Charakteren, stimmungsvollen Beschreibungen der Stadt Paris – oder besser: einer Traum-Vision des mittelalterlichen Paris, das es so sicherlich nie gegeben hat. Auch ist der Roman reich an satirischen Beschreibungen von Bürgertum, Adel und Klerus, zum Teil außerordentlich witzig, zum Teil mit zu vielen zeittypischen Abschweifungen des allwissenden Erzählers.


Interessant ist es, dass sich in dem Buch auch ein lesenswerter medientheoretischer Exkurs befindet (5. Buch, 2. Kapitel). In dem Kapitel „Dieses wird jenes töten“ erläutert Hugo die Auswirkungen des Buchdrucks auf das mittelalterliche Weltbild, wie es sich in den damals wichtigsten Massenmedium widerspiegelt – der Architektur der gotischen Kathedralen. Bedenkt man, dass Hugo das Werk bereits 1832 veröffentlich hat, so muss man die Modernität seiner medientheoretischen Analyse bewundern.
Hugo als Vorreiter der Moderne zeigt sich auch in seinem künstlerischen Schaffen – ich erinnere mich noch sehr gut an die fast schon abstrakten Klecks-Bilder, die letztes Jahr in einer Ausstellung in der Schirn zu sehen waren (dazu gab es eine lesenswerte Besprechung auf FAZ.net – dort werden auch einige Bilder gezeigt).

Bevor ich das Buch las, war mir „Notre-Dame“ nur in der populärkulturellen Aufarbeitung durch diverse Filme vertraut. Die Verkitschung als Disney-Zeichentrickfilm und -Musical habe ich bisher ignoriert. Beeindruckend nah am Geist des Buches ist der wunderbare 30er Jahre Hollywood-Film von William Dieterle, auch wenn es dort kein allzu tragisches Ende wie im Buch gibt.
Dafür ist – wie im Roman – nicht Quasimodo das Monster, sondern der von seinen emotionen getriebene Domprobst Claude Frollo, gespielt von Cedric Hardwicke. Charles Laughton als Quasimodo ist zweifellos eine der größten schauspielerischen Leistungen, die je im Film zu sehen waren.

Der Film verzichtet zwar auf zahlreiche Figuren des Romans (etwa der wahrlich erschreckenden Mutter Esmeraldas und ihr tragisches Schicksal), dafür wird aber das Buch an einer Stelle ergänzt. Der Gaunerkönig ist im Roman nur eine blasse Randfigur, im Film wird seine Rolle eine zentralere Funktion zugedacht, was wahrscheinlich den Geist des Buches angemessen ist (wenn man so etwas überhaupt sagen darf). Übrigens: Getrost vergessen kann jedoch man aber das mißglückte Technicolor-Melodram mit Anthony Quinn aus den 50er Jahren.

2 Kommentare auf “Medientheorie und Romantik”

  1. Copilotin sagt:

    Ein Lesetipp: Dave Eggers – Ein herzzerreissendes Werk von umwerfender Genialität. Nachdem man durch das Vorwort durch ist ( und sich hin und wieder fragt, ob man normal intelligent ist, weil inhaltlich doch sehr schwer zu folgen) tut sich ein tolle Geschichte voller Seelenleben zwischen Bruder und Bruder auf, die schräg, skurril, witzig ist, gleichzeitig aber doch traurig und verzweifelt.
    Eins der schönsten Bücher die ich kenne, kann man das Quäntchen Betroffenheit das der Autor sehr tief einpflanzt, als gehöre man dem Teil der Welt, die jetzt bezahlen muss ( warum besser selber lesen ), wegstecken.

  2. Kleine Ergänzung: Ist die Version mit Anthony Quinn eigentlich nur wegen Gina Lollobrigida erwähnenswert ( und Quinn hat nur einen Buckel vorzuweisen), möchte ich doch auf die Verfilmung von 1923 mit Lon Chaney hinweisen. Chaney gibt einen ganz anderen Glöckner, akrobatisch, hässlich und durchaus selbstbewußt im Vergleich zu Laughton. Esmeralda und Phoebus erhalten im Gegensatz zur Romanvorlage zwar auch ein Happy End, aber Quasimodo segnet das Zeitliche nachdem Frollo ihn ein Messer in den Rücken rammt. Dennoch wirft der tödlich verletzte Glöckner seinen Peiniger mit letzter Kraft von der Balustrade.
    Chaney war der „Man of a 1000 faces“ und sein eigener, efinderischer Maskenbildner. Er orientierte sich mit seiner Interpretation Quasimodos eng an Hugos Beschreibungen. Wie alle Filme aus dieser Zeit ist er etwas langsam, aber wegen Chaney und den aufwändigen Kulissen durchaus sehenswert. Als „public domain“ DVD erhältlich oder in Häppchen umsonst auf YouTube zu sehen:
    http://www.youtube.com/watch?v=phxsDnRUoKo

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