Der erste Blogger

Buchkritik:

„Wie soll ich leben? oder: Das Leben Montaignes“ von Sarah Bakewell

Sarah Bakewell hat eine wunderbare Biografie über Michel de Montaigne geschrieben. Etwas ungewöhnlich ist das Strukturprinzip des Buches – die Kapitel des Buches sind eher thematisch gegliedert, wobei das Thema jeweils andere Antworten (basierend auf den Texten Montaignes) auf die gleiche Frage sind: Wie soll ich leben? Das es hier zwanzig antworten gibt und nicht nur eine oder zwei ist ein Beweis dafür, dass Montaigne alles andere als ein kohärentes Weltbild in seinem Werk vermittelte.

Bei der Lektüre von „Wie soll ich leben? oder: Das Leben Montaignes“fühlte ich mich oftmals erinnert an Diskussionen über Social Media. Viele Menschen fragen sich, was andere Zeitgenossen dazu bewegt, ihr privates Leben in Facebook & Co. auszubreiten. Wen interessiert es denn, was irgendjemand zu Mittag gegessen hat oder welches Buch der gerade liest? Auch die Essays von Montaigne waren solcher Kritik über die Jahrhunderte ausgesetzt.

Montaigne

Und doch haben Sie Millionen von Lesern zu ganz unterschiedlichen Epochen fasziniert und inspiriert. Dabei war Montaigne keineswegs diskreter oder selektiver als heutige Social-Media-Enthusiasten: Er berichtete über seine Krankheiten genauso detailiiert wie über seine Erektionen, nebenbei grübelte über die banalsten Alltagsbeobachtungen nach. All das schildert die Autorin sehr anschaulich und durchaus auch mit einer ironischen Distanz.

Der Reiz des Buches liegt meiner Ansicht nach in dieser Mischung aus Biografie und Rezeptionsgeschichte. Das der Stoff nicht chronologisch, sondern eher thematisch aufbereitet wurde – nämlich anhand der Frage „Wie soll ich leben?“ und den entsprechenden zwanzig Antworten – ist auf dem ersten Blick eine ungewöhnliche Gliederung, die aber perfekt den formlosen und umherschweifenden Räsonierens Montaignes entspricht.

Montaigne ist den Verfassern von Personal Blogs und Facebook-Posts näher verwandt als den vielen Memoiren-Schreibern, die im Interesse ihres Nachruhms ihre eigene Biografie glätteten und schönten. Gedanken flossen bei Montaigne weitgehend ungefiltert in die Feder – und landete vermittelt über die Druckerpresse zwischen Buchdeckeln und in den Stuben des Lesepublikums. Im Zeitalter des Social Web hat sich dieser Weg verkürzt – die Blogger heutzutage können ihre Gedanken in Sekunden-Schnelle in die Welt hinaus schicken. Das hätte Montaigne vielleicht gefallen.

Sarah Bakewell: Wie soll ich leben?: oder Das Leben Montaignes in einer Frage und zwanzig Antworten; 416 Seiten, Beck Verlag, München 2012

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