Passt ganz Deutschland auf die Psycho-Couch?

Buchkritik:
„Deutschland auf der Couch“ von Stephan Grünewald

Der Klappentext klingt durchaus verlockend: Stephan Grünewald, Managing Partner des bekannten Rheingold-Instituts, zieht eine Bilanz aus mehreren Jahren Forschung und über 20.000 Interviews. Herausgekommen ist ein Porträt unserer Gesellschaft, das unter die Oberfläche schaut. Wer in der Media- und Marketing-Branche arbeitet, dem sind die Thesen und Präsentationen von Rheingold schon oft begegnet – meistens haben sie tatsächlich eine erhellende Wirkung gehabt.


Einige der bekannten plakativen Alltagsdeutungen begegnen einem hier wieder, und die erneute Beschäftigung damit schadet auf gar keinem Fall. Hier nur einige Beispiele: Warum die Frauen heute unter einem Perfektionsdruck leiden, die Männer zwischen verschiedenen Rollenanforderungen aufgerieben werden und die Jugend über ihre 68er-Eltern nur lächeln kann – hier kann man es nachlesen. Das alles ist durchaus beachtenswert, zumal der Autor auf den oft ein bisschen esoterisch anmutenden Jargon der „morphologischen Marktforschung“ verzichtet, den die Rheingold-Leute an anderer Stelle gerne verwenden.

Ein bisschen schade ist es jedoch, dass man im Text so wenig von der satten Datenbasis der angeblich 20.000 Interviews merkt. Die Gesellschaftsdiagnose wirkt eher wie ein Psycho-Traktat, bei dem viel behauptet und wenig bewiesen wird. Authentische Beispiele aus dem Alltag und O-Töne der interviewten Deutschen kommen viel zu wenig vor – dabei machen gerade diese das Salz in der Ergebnispräsentation qualitativer Markt- und Sozialforschung aus. Sigmund Freud legte seine Patienten auf die Couch, damit ihnen das Reden leichter fällt. In „Deutschland auf der Couch“ hat man den Eindruck, dass nur einer redet – nämlich der Autor. Die Chance, die Menschen in Deutschland selbst zu Wort kommen zu lassen, wurde leider nicht genutzt.

Stephan Grünewald: „Deutschland auf der Couch. Eine Gesellschaft zwischen Stillstand und Leidenschaft“, Campus Verlag, Frankfurt am Main / New York 2006, 234 Seiten, 19,90 EUR, ISBN 3-593-37926-0

Das Buch ist mittlerweile auch als Taschenbuch erschienen: EUR 7,95, ISBN 3453620194

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