Poker, Wetter, Wirtschaft – warum Prognosen falsch liegen

Buchkritik:

„Die Berechnung der Zukunft“ von Nate Silver

Das Versagen der Wirtschaftsexperten bei der Vorhersage von Finanzkrisen hat in jüngster Zeit zu viel Kritik und auch Häme in der Öffentlichkeit geführt. Was machen eigentlich diese hochbezahlten Havard-Professoren und Investment-Analysten den ganzen Tag, wenn sie so etwas Offensichtliches wie die amerikanische Immobilien-Blase nicht vorhergehsehen haben? Nun, sicherlich haben viele Fehler gemacht, aber das Geschäft mit den Wetten auf die Zukunft ist auch nicht einfach. In den USA hat es ein sehr kluges Buch zu dem Thema zum Bestseller geschafft: „The Signal and the Noise“ – der Titel nimmt auf die Informationstheorie Bezug und liefert einen Hinweis auf eine zentrale Erkenntnis: Es ist nicht immer leicht, die bedeutsamen Signale zwischen dem zufälligen Rauschen der vielen Daten zu erkennen. Der Autor Nate Silver hat sich einen Namen mit recht akkuraten Prognosen über die Ergebnisse von politischen Wahlen und den Erfolg von Baseball-Spielern gemacht. Sein über 600 Seiten schweres Werk ist jetzt auch in deutscher Sprache erschienen: „Die Berechnung der Zukunft“ (den informationstheoretischen Titel wollte der Verlag dem deutschen Publikum anscheinend nicht zumuten).

In dem Buch geht es nicht um Trendforschung, bei der anschauliche Geschichten über die Zukunft erzählt werden, sondern um knallharte, auf Daten basierende Prognosen. Jeden Tag sind wir mit solchen konfrontiert, erstellt von Experten und Forschungseinrichtungen. Doch trotz allem Aufwand liegen viele Prognosen falsch. Das liegt meist an der Komplexität des Untersuchungsgegenstands. Kleine Veränderungen in den Anfangsbedingungen – der mittlerweile sprichwörtliche Flügelschlag eines Schmetterlings in Texas – kann in Thailand eine Sturmflut auslösen. Nate Silver zeigt diese Schwierigkeiten auf und stutzt die unrealistischen Erwartungen an Prognosen zurecht.

Aber es gibt auch Fehlerquellen, die nicht mit dem Prognostikern und ihren Methoden zusammenhängen: Kausalität und Korrelation werden verwechselt (nur weil zwei Phänomene gleichzeitig auftreten, müssen sich noch nicht in einem Ursache-Wirkungs-Zusammenhang stehen), Wahrscheinlichkeiten werden nicht oder falsch berechnet, Modelle sind „überangepasst“ – d.h. sie missdeuten das zufällige Rauschen als bedeutsames Signal und prognostizieren dann das Rauschen; die Folge sind präzise Vorhersagen, die nur leider nicht eintreten, wenn man von zufälligen vereinzelten Treffern absieht.

Andere Gründe für falsche Prognosen liegen im Verhalten der Prognostiker: Sie wollen öffentliche Aufmerksamkeit und die bekommt man eher für abweichende Meinungen. Nate Silver rät hingegen, nach Konsens zu suchen – seine Prognosen für die US-Wahlen basieren deshalb auch auf einen Durchschnitt der Werte verschiedener Umfrageinstitute und Wahrscheinlichkeitsberechnungen.

Silvers Buch ist fakten- und anekdotenreich und liefert viele bedenkenswerte Hinweise. Allerdings verliert es sich auch ein bisschen zu sehr in seinen Details: In umfangreichen Kapiteln geht es um Wettervorhersagen (eine der wenigen Erfolgsgeschichten in Sachen Prognostik), Erdbeben, Poker, Terrorismus, Seuchen, Klimawandel, den Angriff auf Pearl Harbor, Finanzmärkte und immer wieder um Baseball.

Die Unterschiede und Gemeinsamkeiten dieser Themen sind spannend, doch verliert das Buch durch die Vielfalt an Themen und Einzelinformationen seinen Fokus, was die Lektüre dann doch etwas schwerfällig macht. Auch in Marketing und Werbung arbeiten wir mit Prognosen – wir versuchen den Markterfolg neuer Produkte zu planen oder die Zuschauerzahlen eines Werbeblocks vorherzusehen. Da lohnt es sich auf jeden Fall, einen kritischen Blick auf die Grenzen und Möglichkeiten von Prognose-Modellen zu werfen. Nebenbei lernt man auch noch, besser die Finger vom Profi-Poker zu lassen.

Nate Silver: Die Berechnung der Zukunft; Heyne Verlag, München 2013, 654 Seiten, 22,99 €, ISBN 978-3-453-20048-7

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