Psychologie zur Primetime

Buchkritik
„Gefühle lesen“ von Paul Eckman

Es ist ein eher ungewöhnlicher Krimi-Held, der zurzeit jeden Mittwochabend bei VOX über den Bildschirm flimmert: Dr. Cal Lightman, brillant gespielt von Tim Roth, ist kein Kommissar und kein herkömmlicher Polizei-Psychologe. Seine Fähigkeit ist sehr speziell: Lightman kann erkennen, ob jemand die Wahrheit sagt oder lügt – „Lie to Me“ heißt die Fernsehserie. Er ist in der Lage, durch genaue Beobachtung von Mimik und Gestik Emotionen im Gesicht seines Gegenübers zu erkennen.

Und diese Emotionen – Scham, Ekel, Verachtung, Zorn, Angst oder Überraschung – geben ihm und seinem Team Aufschluss darüber, wie man die Aussagen der von ihm befragten Personen bewerten muss. In der erfolgreichen Fernsehserie berät Lightman mit einer eigenen Firma Regierungsbehörden, Polizei und andere Klienten dabei, Aussagen der unterschiedlichsten Art auf ihren Wahrheitsgehalt zu untersuchen, hauptsächlich in dem er die Gesichter der Verdächtigen genau beobachtet – unterstützt natürlich durch modernste Videotechnik und eine umfassende Fotodatenbank mit gesammelten Pressefotos, in denen eindeutig Emotionen erkennbar sind und die deshalb als eine Art Vergleichsmaßstab dienen können.

Das spannendste an „Lie to Me“: Einen Experten wie Lightman gibt es tatsächlich. Paul Ekman ist der bedeutendste Emotionsforscher unserer Tage, seit den 50er Jahren untersucht er Gefühle und Gesichtsausdrücke in der ganzen Welt. Die TV-Figur Lightman ist dabei nicht nur dem echten Psychologie-Professor nachempfunden, Paul Ekman fungierte als wissenschaftlicher Berater beim Dreh von „Lie to Me“. Und diese Expertise bietet er nicht nur Holllywood-Produzenten an, sondern jeden, der sich für das Thema Emotionen interessiert.

In seinem Buch „Gefühle lesen“, dass jetzt als überarbeitete Taschenbuchausgabe erschienen ist, berichtet der Emotionspsychologe von seinen Forschungen, die ihn auch in die entlegensten Teile der Welt führten – dort identifizierte er universale Muster des Emotionsausdrucks im Gesicht. Wir reagieren unmittelbar emotional – auch wenn es in jeder Kultur unterschiedliche Regeln gibt, welche Gefühle öffentlich zur Schau gestellt werden dürfen und welche man besser unterdrückt.

Doch trotz allen Überspielens und einem coolen Pokerface – in den ersten Sekunden zeigen sich unsere wahren Gefühle in unseren Gesichtern. Ekman beschreibt akribisch, wie sich die unterschiedlichen Emotionen in unserer Mimik erkennen lassen. Wie unterscheiden sich Angst, Zorn oder Ekel, welche Gemeinsamkeiten haben sie? In einer Vielzahl von Fotos werden die Nuancen detailliert präsentiert. Am besten lernt man das aber im Selbstversuch und auch dafür gibt der Autor seinen Lesern Anweisungen.

Doch entgegen der Fernsehserie, in der der fiktive Dr. Lightman jede Lüge durchschaut und auch bei seinen Mitarbeitern oder seiner Tochter nicht halt macht, ist das Erkennen und Interpretieren von Gefühlen nicht so einfach. Viele Emotionen sind nur in der starken Ausprägung eindeutig identifizierbar, doch bei ihrem Entstehen oder wenn man sie überspielen will, lassen sie sich meist nicht so klar unterscheiden. Trotzdem hilft das Buch dabei, die Menschen, mit denen wir sprechen, besser zu verstehen.

Auch über unser eigenes Gefühlsleben lernen wir einiges – in eigenen Kapiteln werden die wichtigsten Emotionen beschrieben, wie sie in der Evolution entstanden sind und wie sie sich weiter klassifizieren lassen. Dabei spielen trotz universeller Grundmuster auch kulturelle Unterschiede eine Rolle – für das deutsche Wort „Schadenfreude“ kann selbst Ekman keine Übersetzung finden. Einige der Erkenntnisse sind durchaus auch für das Verstehen von emotionalen Werbewirkungen wichtig, z.B. das Konzept der „Refraktärphase“ – eine kurze Zeitspanne bei einer Emotion, in der wir nur emotionskonforme Informationen aufnehmen.

Deshalb macht uns bei einem Streit jedes Wort noch wütender oder in Angstsituationen jede Beschwichtigung noch ängstlicher. Wie wirkt dann ein Werbeblock in einer emotionsgeladenen TV-Sendung? „Gefühle lesen“ liefert genug Stoff zum Nachdenken für Beruf und Alltag, verständlich geschrieben, aber nicht ohne Psychologie-Fachjargon. Wem dadurch die Lektüre zu anstrengend wird, der schaltet eben mittwochs um 21:15 Uhr VOX ein.

Übrigens: Es gibt auf der Website von VOX auch einen kleinen Test im Gefühle-Lesen – leider nicht sehr überzeugend… 🙁

Paul Eckman: Gefühle lesen – Wie Sie Emotionen erkennen und richtig interpretieren; Spektrum Akademischer Verlag, 2. Aufl., Heidelberg 2010, 396 Seiten, 14,95 €, ISBN 978-3-8274-2568-3

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