Quietsche-Entchen und Laptop

Buchkritik
„Der Trost der Dinge“ von Daniel Miller

Nicht häufig findet man ein Buch eines Soziologen und Kulturanthropologen, dass eine breite Rezeption in den verschiedensten Kreisen findet. „Der Trost der Dinge“ ist ein solches Buch, das in ganz unterschiedlichen Kontexten gelesen werden kann. Sicherlich ist es eine ethnografische Studie, aber man kann es auch als eine Sammlung von Kurzgeschichten lesen oder – was ich hier empfehle – als Beispiel für gelungene qualitative Marktforschung. Der Autor Daniel Miller hat zusammen mit Kollegen mehrere Jahre lang die Bewohner einer Londoner Vorort-Straße interviewt. Sein Thema: Wie gehen Menschen mit Dingen um, welche Bedeutung haben alltägliche Sachen für ihr Leben?

Um diese Frage zu klären, besuchten die Forscher ihre Gesprächspartner in ihren Wohnungen, ließen sich deren Lebensgeschichte erzählen, sahen sich alte Fotos und Sammlerstücke an. Diese Beobachtungen fasste Daniel Miller dann in fünfzehn Porträts zusammen (in der englischen Originalausgabe waren es sogar mehr, doch der deutsche Verlag hat aus unerfindlichen Gründen einige herausgekürzt), die einfühlsam und anschaulich die Menschen und was ihnen wichtig ist beschreiben. Da ist etwa der ältere Mann, dessen Wohnung völlig auf seinen Hund ausgerichtet ist.

Oder das Ehepaar, das der Mittelpunkt eines großen Familiennetzwerkes ist, dass sie unter anderen durch das Sammeln von Weihnachtsschmuck, Briefmarken und vielen anderen Krimskrams pflegen und an sich binden. Die These, die aus all diesen Momentaufnahmen entsteht, ist einfach: Dinge helfen Menschen dabei, sich ihrer Identität zu vergewissern und ihre sozialen Beziehungen zu anderen Menschen zu gestalten. Das zeigt sich etwa bei der Mutter, die das Plastik-Spielzeug aus den Happy Meals-Tüten bei McDonald’s nutzt, unter schwierigen Bedingungen eine tiefe emotionale Bindung zu ihren Kindern aufzubauen.

Die anderen Bewohner der Stuart Street (natürlich hat der Autor den Namen der Straße geändert) haben alle ihre persönlichen Gegenstände, die ihnen durch die Höhen und Tiefen des Alltags helfen: Kleider, CDs, Fotoalben, Piercings, Laptops, IKEA-Regale, Quietsche-Entchen – meist sind es gar keine teuren oder wertvollen Produkte, die diese soziale Funktion haben. Mal helfen sie den Menschen, sich von ihrer Herkunft abzugrenzen, mal verbinden sie sie mit den vorhergehenden Generationen. Der Autor hat ein Talent, die Lebenswelt seiner Untersuchungsgegenstände plastisch vor unseren Augen erscheinen zu lassen. Das ist dabei kein bisschen wissenschaftlich – es fehlen nicht nur Fachbegriffe und akademischer Jargon, sondern auch die strikte Distanziertheit gegenüber den Objekten seiner Studie.

Leider kommen dadurch aber auch die Zusammenfassung und Einordnung der vielen Einzelbeobachtungen zu kurz. Trotzdem hat das Buch nicht nur als erzählende Literatur einen Wert, sondern auch als eine Übung im Reflektieren und Analysieren von Produkten und deren Bedeutung für ihre Besitzer. Kein Buch über Marktforschung oder Marketing, aber eins, das den Blick dafür schärft, wie die Dinge die wir kaufen und besitzen unser Zusammenleben bereichern können.

Daniel Miller: Der Trost der Dinge – Fünfzehn Porträts aus dem London von heute; Edition Suhrkamp; Berlin 2010, 226 Seiten, 15,00 €, ISBN 978-3-518-12613-4

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