Sehen wir Medien mit den Augen oder mit dem Hirn?

 Buchkritik:

„Wahrnehmung – Kognition – Ästhetik: Neurobiologie und Medienwissenschaften“ herausgegeben von Ralf Schnell

Die Medienforschung kann einiges von den Neurowissenschaften lernen, doch muss sie erst einmal die Grundlagen verstehen. Ein aktueller Sammelband kann da als Einführung dienen.

Neuro – das Wort ist in aller Munde. Als Vorsilbe findet man es in Begriffen wie „Neuro-Marketing“ oder „Neuro-Sales“. Tatsächlich hat die Erforschung des menschlichen Gehirns und seiner Funktionsweisen in den vergangenen 20 Jahren einen ungeheuren Boom erlebt. Die Folge davon sind nicht nur neue Erkenntnisse darüber, wie wir denken, fühlen und handeln, sondern auch ein beachtliches öffentliches Interesse. Die Verknüpfung von medizinischen und naturwissenschaftlichen Methoden mit Fragestellungen der Psychologie und Sozialwissenschaft ist ohne Frage eines der spannendsten Forschungsbereiche unserer Tage.

Deshalb berichten heute Zeitschriften und TV-Dokumentationen ausgiebig über die Errungenschaften der Neurowissenschaft, Sachbücher zum Thema sind Bestseller, man denke nur an die pittoresken Fallgeschichten des Neurologen Oliver Sacks, dessen Buch „Zeit des Erwachens“ schon vor Jahren mit Robert DeNiro verfilmt wurde. Doch auch jene Bereiche, die sich bisher trotzig dem Einzug jeglicher naturwissenschaftlicher Theorien entzogen haben, werden vom „Neuro-Fieber“ gepackt: In den Feuilletons der überregionalen Qualitätsblätter diskutieren Gehirnforscher und Biologen mit Philosophen und Theologen darüber, ob es einen freien Willen gibt und wo man Gott nun eigentlich findet – im Himmel oder unter unserer Schädeldecke. Neurophysiologen wie Wolf Singer und Gerhard Roth, die früher nur in Fachzirkeln bekannt waren, sind mittlerweile bekannte Intellektuelle, Buchautoren und Vortragsredner.

Ein Beispiel für diesen wahrlich interdisziplinären Dialog kann man nun in einem lesenswerten Buch finden. Bei einem Symposium in Siegen haben sich Medienforscher geistes- und sozialwissenschaftlicher Prägung einmal gründlich informiert darüber, was die Gehirnforscher so über das menschliche Denkorgan so herausgefunden haben. Ziel war es, Anknüpfungspunkte für die eigene Beschäftigung mit Medien zu finden. Diese sind, um keine ungerechtfertigten Hoffnungen aufzubauen, in dem Band nur in ersten Ideen angedeutet. Doch die Beiträge der namhaften Experten liefern etwas anderes, was auch den aufgeschlossenen Mediaforscher interessieren sollte: Einige Basics über die biologischen Grundlagen von Wahrnehmung, Denken und Urteilen. Ästhetik, die Lehre vom Schönen und Guten, war bisher eine Domäne der Geisteswissenschaftler.

Doch gerade die Biologie kann uns erklären, wie unser Gehirn die Realität wahrnimmt (oder besser: rekonstruiert), was wir als schön empfinden und warum. Der schon oben erwähnte „Star“ unter den Neurophysiologen Gerhard Roth gibt einen kurzen Überblick über die Konstruktionsbedingungen, mit denen wir aus den Sinneswahrnehmungen Sinn erschaffen. Manfred Fahle führt das weiter, in dem er systematisch erläutert, wie Hirnfunktionen und Wahrnehmung zusammenhängen, wobei auch Gestaltwahrnehmung und optische Täuschungen behandelt werden. Dies mündet dann in inspirierende, allerdings noch zumeist spekulative Thesen über die neurobiologische Fundierung der Ästhetik – was wir als schön und wohlgeformt wahrnehmen, bestimmt zum gewissen Teil schon unser Gehirn, und nicht alleine der wie auch immer kultivierte Geschmack. In weiteren Artikeln wird diese Vorgehensweise noch weiter in Hinblick auf visuelle und musikalische Wahrnehmung vertieft.

Besonders spannend ist der Beitrag des Evolutionsbiologen Eckart Voland, der das „Handycap-Prinzip“ erläutert. Danach haben Organismen im Laufe der Evolution nicht manipulierbare Signale entwickelt, mit denen sie einen Vorteil bei der Wahl des geeigneten Sexualpartners haben. Paradebeispiel ist das prachtvolle, aber extrem unpraktische Federkleid des Pfaus. Nur ein überaus gesundes und starkes Männchen mit guten Genen ist in der Lage, einen so üppigen, energieaufwendigen und im täglichen Leben ansonsten nutzlosen Schmuck zu entwickeln. Doch damit signalisiert es den Weibchen seine Überlegenheit gegenüber seinen Konkurrenten.

Voland sieht in diesem Prinzip den Kern unseres ästhetischen Empfindens. Da zur Zeit evolutions-psychologische Erklärungsmuster beliebt sind (nach Art von „Männer können nicht zuhören und Frauen nicht einparken“), sollte man auch über das „Handycap-Prinzip“ einmal nachdenken, denn im menschlichen Zusammenleben lassen sich genauso Parallelen finden wie in der Wirtschaftskommunikation. Oder ist das teure Sponsoring der Fussball-Weltmeisterschaft wirklich etwas ganz anderes als das Rad eines Pfaus.

Die Lektüre der neurobiologischen Artikel verlangt vom Leser schon eine gewisse Konzentration Die Autoren vermeiden keine Fachwörter und schrecken auch vor komplexen Gedankengängen nicht zurück – anders als einige populäre Priester des „Neuro-Marketings“. Doch ist die Sprache trotz aller Wissenschaftlichkeit meist klar und nachvollziehbar. Das kann man von den wenigen geisteswissenschaftlichen Beiträgen in dem Band nicht unbedingt sagen – sie tragen zu den im Titel beschriebenen Themen „Wahrnehmung, Kognition, Ästhetik“ leider nur wenig bei. Wie gesagt, der Dialog zwischen Medien- und Neurowissenschaft steht erst am Anfang. Wer in der Media- und Marketing-Branche aber bei der Neuro-Mode kompetent mitreden will, tut gut daran, einige Grundbegriffe sich anzueignen. Der von Reinhard Schnell herausgegebene Band ist dafür ein geeigneter Einstieg und kann dabei jeden aufgeschlossenen Leser ans Herz – und auch ans Hirn – gelegt werden.

Ralf Schnell (Hrsg.): Wahrnehmung – Kognition – Ästhetik: Neurobiologie und Medienwissenschaften; Transcript Verlag, Bielefeld 2005, 260 Seiten, 24,60 €, ISBN 3-89942-347-X

 

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