Verdirbt Fernsehen den Charakter?

Buchkritik:
„Kalte Herzen. Wie Fernsehen den Charakter formt“ von Peter Winterhoff-Spurk

Medienpsychologen beschäftigen sich in der Regel in erster Linie mit den Gemeinsamkeiten der Zuschauer: Welche Motive gibt es zur Fernsehnutzung, welche messbaren Wirkungen haben bestimmte Medieninhalte? Dabei bedienen sie sich der Methoden und Theorien der experimentellen Allgemeinen Psychologie und der Sozialpsychologie. Selten wagt man sich an das Thema Medien aus Sicht der Differenziellen bzw. der Persönlichkeitspsychologie heran. Die hat eine ganz andere Blickrichtung, anstatt das Gemeinsame, will man das Trennende herausfinden: Wieso unterscheiden sich Menschen in ihrem Medienkonsum? Gibt es bestimmte Persönlichkeitstypen, die auf bestimmte Inhalte mehr oder weniger reagieren?


Peter Winterhoff-Spurk, Professor für Medienpsychologie, hat sich mit seinen Fachveröffentlichungen bisher eher im Mainstream der experimentellen Medienpsychologie bewegt. Mit seinem aktuellen Buch betritt er Neuland. „Kalte Herzen“, so der Titel, versucht tatsächlich eine bisher eher selten zu findende Untersuchung im Kontext der Persönlichkeitspsychologie zu liefern. Es verspricht (laut Untertitel) zu erklären „wie das Fernsehen unseren Charakter formt“. Alleine dieser Anspruch macht das Buch schon interessant, denn Worte wie „Charakter“ findet man sonst nicht in Publikationen von empirischen Kommunikationswissenschaftlern – eher in der einschlägigen Ratgeberliteratur zu allen Lebenslagen.

Der Autor stellt besonders einen Persönlichkeitstyp in den Fokus, den „histrionischen Sozialcharakter“. Dieser sei leicht erregbar, oberflächlich, labil und theatralisch, in seinem Denken wenig strukturiert und egozentrisch. Außerdem neige er zur Selbstinszenierung, einer Fixierung auf sein Aussehen und zur „Sexualisierung jeder Aktivität“. Seine Interessen gelten allem, was lebhaft, emotional und provozierend ist. Besonders letzteres mag manche an das Programm einzelner Privatsender erinnern, und ähnlich ist auch die Schlussfolgerung von Winterhoff-Spurk: Der Histrio sei in heutiger Zeit eben ein dominierender Sozialcharakter, weil das Fernsehen die Ausbildung dieses Charakters fördere, verstärke und überdies Menschen mit histrionischen Zügen im Mediensystem erfolgreich sind.
Als Illustration referiert der Autor zwei Biografien von histrionischen Musterexemplaren: Marlene Dietrich und Hitlers Lieblingsregisseurin Leni Riefenstahl. Anhaltspunkte für seine These findet Winterhoff-Spurk auch in den Befunden der klassischen Kommunikationswissenschaft und in den Mustern der Fernsehnutzung verschiedener sozialer Milieus. Dann schlägt er einen großen Bogen zu den gesellschaftlichen Auswirkungen in Politik, Arbeitswelt und zwischenmenschlichem Zusammenleben.

Seine Darstellung und die angeführten Beispiele sind dabei sehr anschaulich und ohne Frage mit Gewinn zu lesen. Doch sind seine Ideen nicht immer schlüssig zu Ende gedacht. Eine Theorie, wie Fernsehen tatsächlich unseren Charakter formt, liefert das Buch nicht. Dazu hätte es eines umfassenden Rahmens der Persönlichkeitsentwicklung bedurft, die im Buch nicht zu finden ist. Ebenso wird fast ausschließlich der histrionische Charakter vorgestellt, ohne Bezug auf eine umfassende Typenbildung zu nehmen. Was gibt es für andere Sozialcharaktere und werden diese durch das Fernsehen etwa nicht geformt? Hier ist der an sich vielversprechende Ansatz der Persönlichkeitspsychologie nicht wirklich zu Ende geführt worden.

Da dieses umfassende Konzept fehlt, wirkt das Buch über weite Strecken wie eine Indiziensammlung, die an einigen Stellen ein bisschen im Beliebigen und Oberflächlichen verharrt. So werden soziale Milieus aus unterschiedlichen Lebenstilmodellen munter nebeneinander gestellt und mal dieses und mal jenes Modell mit den histrionischen Charakter gleichgesetzt. Auch die Darstellung der Medieninhalte und Genres, die angeblich von histrionischen Zuschauern bevorzugt werden, reiht teilweise nur Allgemeinplätze und Vorurteile aneinander. Und wenn es um die gesamtgesellschaftlichen Auswirkungen geht, erinnern einige Passagen doch eher an die herkömmliche Kulturkritik, die das Fernsehen schon immer als Grund allen Übels gesehen hat.

Im Schlusskapitel gibt der Autor sogar Ratschläge zum Umgang mit dem Fernsehen (um genauer zu sein: zum „Nicht-Umgang“, da er in erster Linie eine Fernsehvermeidung empfiehlt). Damit passt das Buch gut in das Programm des Verlages, das auch allerlei Psycho-Traktate und Lebenshilfe-Fibeln enthält. Dass „Kalte Herzen“ trotzdem eine lohnende Lektüre ist, liegt an der interessanten Ausgangsfrage, nämlich „wie das Fernsehen unseren Charakter formt“ – auch wenn sie hier leider noch nicht beantwortet werden kann.

Peter Winterhoff-Spurk: „Kalte Herzen. Wie das Fernsehen unseren Charakter formt“, Klett-Cotta, Stuttgart 2005, 271 Seiten, 19,50 EUR, ISBN: 3-608-94102-9.

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