Von der Schadenfreue zur Inspiration

Buchkritik:

„FAST PEFREKT – Die Kunst, hemmungslos zu scheitern. Wie aus Fehlern Ideen entstehen“ von Erik Kessels

Wer dem digitalen Geplauder auf Facebook und anderen Social-Media-Plattformen lauscht, stößt früher oder später auf ein Wort: „Fail“. Damit werden Pleiten, Pech und Pannen markiert. Wenn etwas schieflief oder jemand sich zum Idioten gemacht hat, läuft das unter „Fail“ – und die kollektive Schadenfreude triumphiert.

Auch die seriösen Medien können sich dem kaum entziehen und dichten Überschriften wie „So lacht das Netz über…“. Es scheint, dass das Internet nicht nur zur Verbreitung von Katzen-Videos erfunden wurde, sondern nicht zuletzt eine Mega-Schadenfreuden-Schleuder ist.

Ein Missgeschick, wie neulich die vertauschten Umschläge bei der Oscar-Verleihung, ist ein gefundenes Fressen. Peinlich, peinlich – und was für ein Glück, dass einem sowas nicht selbst passiert ist. Und nun kommt jemand, der gerade das Personal der Kreativwirtschaft auffordert: „Machen Sie sich zum Idioten“.

Dieser Mann ist selbst ein Top-Kreativer: Erik Kessels, niederländischer Agenturgründer und vielfach ausgezeichnet für seine Werbekampagnen. Eine seiner bekanntesten ist für das Amsterdamer Billig-Hotel „Hans Brinker“ und bewirbt es als das schlechteste Hotel der Welt, mit ironischen Slogans wie „Now a Bed in Every Room“. Er hat ein kleines Büchlein herausgegeben, das uns einen neuen Blick auf Fehler werfen lässt. Sie sind der Samen für Innovationen. Aus den alltäglichen Missgeschicken entstehen neue, wunderbare Ideen.

Als notorischer Sammler von Fotografien zeigt uns der Autor viele Beispiele: Etwa wie Doppelbelichtungen oder der Finger des Fotografen vor der Linse poetische Bildkompositionen oder falsch geklebte Plakate aufmerksamkeitsstarke Werbemotive schaffen. Das Scheitern wird hier zum Kunstprinzip erhoben.

Dabei nutzt Kessels durchaus die Stilmittel der Pannenshow-Produzenten: Das Buch beginnt mit einer Foto-Revue von Baufehlern, einer absurder als der andere, und reizt damit unsere Schadenfreude. Doch je mehr wir lesen und blättern, wächst unsere Sympathie für Meister des Scheiterns: Etwa die Familie, die jahrelang vergeblich versucht hat, ihren schwarzen Hund zu fotografieren. Oder der Künstler, der über tausende von Webcams beobachtet, nur um jene Bilder zu konservieren, auf denen Insekten oder Vogelschwänze zu sehen sind.

Kessels Philosophie ist recht einfach und kurz (wie seine Texte): Keine Perfektion anstreben, sondern offen sein für Fehler, Zufälle und überraschende Kombinationen. Die Schönheit im Unvollkommenen und die Genialität im Zufall wertschätzen.

Zugegeben, der Band ist keine ausgearbeitete Ästhetik des „Fails“, aber eine höchst amüsante und inspirierende Sammlung von Sinnsprüchen und sehr witzigen Bildern. Ein perfektes Geschenk für alle, denen man ein bisschen Unperfektheit wünschen würde.

Der deutsche Titel des Buches – natürlich auf der Rückseite gedruckt – lautet übrigens „FAST PEFREKT“ – und nur, um die Auffindbarkeit beim Online-Shopping zu erhöhen, sei nochmal darauf hingewiesen, dass der Rezensent sich nicht vertippt hat.

Erik Kessels: FAST PEFREKT – Die Kunst, hemmungslos zu scheitern. Wie aus Fehlern Ideen entstehen; Köln 2016, Dumont, 166 Seiten, 12,99 €, ISBN 978-3-8321-9913-5

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