Ist das Internet ein Tagtraum und Twitter unser Bewusstsein?

Buchkritik:

„Wie hat das Internet Ihr Denken verändert?“ herausgegeben von John Brockman

John Brockmann ist ein Visionär des Internets. Er hat die Website edge.org gegründet. Dort versammelt er Artikel, Ideen, Aussagen und Gespräche einer intellektuellen Elite – meist Naturwissenschaftler und ihnen nahestehende Philosophen und Autoren populärwissenschaftlicher Bücher.

In dieser Reihe illusterer Biologen, Physiker und Neurowissenschaftler verirren sich gelegentlich auch mal ein paar Künstler und Geisteswissenschaftler. Was sie gemeinsam haben? Sie sind Vertreter einer Richtung, die Brockmann die „Dritte Kultur“ nennt – eine Mischung aus Natur- und Geisteswissenschaft. Die Autoren rund um edge.org beschäftigen sich mit dem Menschen, seiner Psyche und seinem Verhalten, aber sie haben dabei oft eine naturwissenschaftliche Perspektive, berufen sich auf Evolution, Gehirnforschung, Informatik und vieles mehr. John Brockmann bringt diese Leute auf seiner Website zusammen – dabei handelt es sich um kein Netzwerk oder eine Social-Media-Seite (Kommentarmöglichkeiten gibt es nicht), sondern um ein sorgfältig editiertes Online-Magazin.

Am bekanntesten sind Brockmanns jährliche Fragen: Er stellt dem Kreis seiner Autoren der „Dritten Kultur“ eine Frage und veröffentlicht die Antworten online und später auch in Buchform. In den letzten Jahren waren es Themen wie „Was ist ihre gefährlichste Idee?“ oder „Welche Idee wird alles verändern?“ – eine ungemein spannende und inspirierende Lektüre, da große Geister auf zwei bis drei Seiten uns an ihrem Denken teilhaben lassen.

Die Frage des letzten Jahres lautete: „Wie hat das Internet Ihr Denken verändert?“ Die Antworten darauf sind jetzt unter genau diesem Titel als deutschsprachiges Taschenbuch erschienen. Bei den Beiträgern sind jede Menge Nobelpreisträger und Bestsellerautoren, etwa bekannte Namen wie der Evolutions-Experte Richard Dawkins („Der Gottes-Wahn“), Sprachforscher Steven Pinker („Der Sprachinstinkt“) oder der Philosoph Daniel Dennett („Darwins gefährliches Erbe“). Auch viele Psychologen sind dabei: Gerd Girgrenzer („Bauchgefühle“), Nicholas Christakis („Connected“), Nicholas Carr („Wer bin ich, wenn ich online bin“) oder Ernst Pöppel („Zum Entscheiden geboren“), um nur die zu nennen, deren Bücher an dieser Stelle bereits rezensiert wurden.

Die Beiträge sind lesenswert, auch wenn viele Autoren die Frage unterschiedlich verstanden haben. Einige schreiben, wie sich Wissenschaft, Kultur oder die Gesellschaft durch das Aufkommen des Internets verändert haben. Andere überlegen, wie sich das Denken allgemein verändert hat: Funktioniert unser Gehirn nun anders, weil wir Stunden mit dem Internet verbringen? Werden wir dadurch schlauer oder unaufmerksamer? Viele haben die Frage aber genauso verstanden, wie sie gemeint war: Was hat sich denn ganz konkret bei der eigenen Person verändert?

Das Spektrum der Themen und Meinungen ist groß, Optimisten und Pessimisten halten sich die Waage. Einige sehen negative Veränderungen durch das Internet befördert: Terrorismus, Oberflächlichkeit, Ablenkung von ernsthaften Gedanken, sinkende Aufmerksamkeitsspannen, „Geschwindigkeit plus Pöbel“ (so der Schauspieler Alan Alda) und so weiter. Andere singen ein Loblied auf das Web – besonders der schnellere Zugriff auf Wissen und der offenere Dialog der Wissenschaftsgemeinde. Manches ist recht vorhersehbar, vieles doch sehr geistreich und einiges auch überraschend. Etwa die Aussage, wir sollten das Internet viel öfter dazu nutzen, vorschnelle Urteile in die Welt zu bringen und zur Diskussion zu stellen („Vertraue auf nichts, diskutiere über alles“ meint der Unternehmer Jason Calacanis). Andere sehen in dem Internet einen gewaltigen Tagtraum oder eine Rückkehr zur frühgeschichtlichen Stammeskultur.

Auch auf den sozialen Charakter des Social Webs wird hingewiesen. Ein Wissenschaftler erzählt, wie er sich in ein neues Thema, von dem er noch nichts weiß, einarbeitet: Er stellt einen Wiki (eine offene Plattform wie Wikipedia) ins Netz, schreibt alles rein, was er über das Thema weiß ohne die Richtigkeit zu überprüfen und wartet, wie die Netzgemeinde nach und nach die Fehler korrigiert, Neues hinzufügt und Informationen ansammelt. Durch das Internet, so der Museums-Leiter Hans Ulrich Obrist, werden wir alles Kuratoren der öffentlichen Dokumentation unseres eigenen Lebens, unserer Beziehungen und unseres Denkens. Manche Ideen sind nicht neu, aber gut formuliert: Etwa die Beobachtung, dass unser Bewusstsein eigentlich wie Twitter arbeitet.

Viel Stoff zum Nachdenken in Taschenbuchform – oder natürlich auch direkt, kostenlos und auf Englisch im Internet bei http://edge.org/

John Brockman (Hrsg.): Wie hat das Internet Ihr Denken verändert? Die führenden Köpfe unserer Zeit über das digitale Dasein; Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2011, 536 Seiten, 10,99 €, ISBN 978-3-596-19058-4

 

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