Wir sind alle so berechenbar…

Buchkritik:
“Predictably Irrational” von Dan Ariely

„Behavioural economics“ heißt eine spannende Forschungsrichtung in der Wirtschaftswissenschaft, die mit psychologischen Experimenten versucht, das Entscheidungsverhalten der Menschen zu sezieren. Die Ergebnisse stehen oft im Widerspruch zur klassischen Wirtschaftstheorie, die vom rational entscheidenden Homo oeconomicus ausgeht. Was Dan Ariely in seinem englischen Sachbuch an Beispielen aus dieser Forschungsrichtung bringt, ist äußerst erhellend und sehr amüsant. In raffinierten Experimenten, die einfach und präzise erläutert werden, versuchen die Forscher, unseren wahren Entscheidungsgründen nachzuspüren.


Da kommt dann beispielsweise heraus, dass Menschen gerne als Individualisten gelten wollen und deshalb ungern die gleichen Gerichte im Restaurant bestellen, die bereits ihre Tischnachbarn geordert haben – auch auf die Gefahr hin, mit ihrer originellen Wahl nachher unzufrieden zu sein. Oder dass die Anzahl der Optionen einen Einfluss darauf hat, wie wir die einzelnen bewerten. Oder dass wir viel Zeit und Geld dafür ausgeben, uns Möglichkeiten offen zu lassen, die wir eigentlich schon lange als irrelevant ausgeschlossen haben. Oder dass wir den Preis von Produkten an jenem messen, dem wir zuerst begegnet sind – unabhängig davon, ob dieser Preis tatsächlich realistisch war oder nicht. (Deswegen sind wir übrigens nicht bereit, für Internet-Seiten Geld auszugeben, auch wenn der Content noch so wertvoll oder günstig ist.) Oder dass wir unterschiedlich entscheiden – je nachdem, ob wir eine Sache nach sozialen Normen oder nach Marktnormen beurteilen (weshalb Unternehmen, die beides vermischen, mit ihren Kunden Schwierigkeiten bekommen, was ja schon einige Betreiber von Social-Network-Webseiten bemerken durften).

Das Buch von Ariely, der die meisten der zitierten Experimente selbst entwickelt hat, ist weder eine theoretische Abhandlung noch ein Management-Buch mit Instruktionen für die Praxis. Es ist vielmehr ein äußerst kurzweiliger und im persönlichen Ton geschriebener Reisebericht einer Exkursion zu den Ursprüngen unserer Alltagsentscheidungen. Nach der überaus lohnenden Lektüre werden Sie die Welt ein kleines bisschen anders sehen.

Dan Ariely: “Predictably Irrational: The Hidden Forces That Shape Our Decisions”, New York 2008, Harper Collins Books, 280 Seiten, ca. 22,95 EUR, ISBN 978-0-06-135323-9

Das Buch ist mittlerweile auch auf Deutsch erschienen, mit den etwas umständlichen Titel: „Denken hilft zwar, nützt aber nichts“. Damit war das Buch aber sehr erfolgreich – wahrscheinlich haben viele Käufer gedacht, es handelt sich um ein Buch von Dr. von Hirschhausen… 😉

Hinterlassen Sie einen Kommentar

*