Zwischen geistloser Routine und religiösem Ritual

Buchkritik:

„Gewohnheiten und Rituale der Fernsehnutzung“ von  Teresa K. Naab

Sicherlich kennt das: Man kommt von der Arbeit nach Hause und stellt den Fernseher an, nur um sich kurz abzulenken. Dabei ist es fast egal, was gerade läuft – auch die 100. Wiederholung einer Folge der „Simpsons“ reicht als Zerstreuung aus. Doch meist werden immer wieder die gleichen Sender eingeschaltet.

Ganz anders am Sonntagabend: Da wird mit Freunden und Familie „Tatort“ geschaut – alle sind überpünktlich da, die Chips werden in Schälchen gefüllt, einige kommentieren das Gesehene sogar sofort auf Facebook. Beides sind typische Fernsehsituationen. Beide haben etwas mit Gewohnheiten zu tun. Doch während das gewohnheitsmäßige Zuschauen der „Simpson“ keine Wichtigkeit für den Zuschauer hat, scheint das gemeinsame Zelebrieren des „Tatorts“ für alle Beteiligten etwas Besonderes zu sein. Im zweiten Fall haben wir es mit etwas zu tun, dass die Religionswissenschaftler und Ethnologen Ritual nennen. Im ersten Fall sprechen die Psychologen von einem einer bloßen Gewohnheit oder einem wiederholten Verhalten.

Die Kommunikationswissenschaft hat bisher diese beiden Phänomene in einen Topf geworfen: Fernseh-Gewohnheiten wurde nur nach dem Gesichtspunkt klassifiziert, ob sie häufig stattfinden. Deren Ursachen sah man in einem Effizienz-Gewinn: Wer immer das gleiche sieht, muss sich keine großen Gedanken bei der Programmwahl machen. Was den Forscher dabei oft entgangen ist: Es gibt Gewohnheiten, die eigentlich fast genau das Gegenteil von diesem gedankenlosen Zuschauen sind: Die Fernseh-Rituale, die uns helfen, unseren Tagesablauf zu strukturieren, unsere Beziehungen zu Familie und Freunde zu pflegen, unseren Platz in der Gemeinschaft zu finden.

Naab Fernsehnutzung

Die Kommunikationswissenschaftlerin Teresa Naab hat die TV-Gewohnheiten unter die Lupe genommen. In ihrer als Buch veröffentlichten Dissertation „Gewohnheiten und Rituale der Fernsehnutzung“ beschäftigt sie sich kritisch mit der bisherigen kommunikationswissenschaftlichen Forschung und bemängelt die fehlende Differenzierung zwischen Gewohnheit und Ritual. Gleichzeitig zeigt sie in zwei empirischen Studien, wie man beides messen und erklären kann. Das ist eine verdienstvolle wissenschaftliche Leistung, denn mit ihrer Arbeit kann Naab das Verständnis des alltäglichen Fernsehens verbessern. Natürlich ist eine solche Dissertation – trotz der klaren und präzisen Sprache der Autorin – keine leichte Lektüre.

Es ist auch schade, dass durch die Fokussierung auf die Methoden die Ergebnisse der vorgestellten Studien in den Hintergrund treten. Wer sich schnelle und anschauliche Erkenntnisse über unsere Routinen und Rituale erhofft, muss schon sehr gründlich Lesen, einiges selbst schlussfolgern und am besten auch nochmal in die zitierte Literatur einen Blick werfen. Wünschenswert wäre es, wenn die Mediaforschung die wertvolle Vorarbeit nutzt, um in einer repräsentativen Untersuchung das Thema umfassend anzugehen. Denn das Verständnis der Motive von Fernsehgewohnheiten wird immer wichtiger, gerade in den Zeiten, in dem sich die technischen Möglichkeiten und kommerziellen Angebote verändern. Das Fundament dafür ist in der vorliegenden Arbeit gelegt.

Übrigens: Auch das ZEIT-Magazin berichtete in einem sehr lesenswerten Artikel über die Forschung von Teresa Naab. Den Artikel können Sie hier lesen.

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Teresa K. Naab: Gewohnheiten und Rituale der Fernsehnutzung – Theoretische Konzeption und methodische Perspektiven; Nomos Verlag, Baden-Baden 2013, 316 Seiten, 44,00 €, ISBN 978-3-8329-7821-1

 

 

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