Beliebigkeit gegen Depression

Buchkritik (geschrieben 2005):
„Die Depression der Werbung“ von Sebastian Kemmler u.a. (Hrsg.)

Viele Jahre ging es den deutschen Werbern gut, die Geschäfte liefen, die Gelder sprudelten und die Egos wuchsen. Dann kam 2001 der Einbruch und seit dem wird gejammert. „Die Depression der Werbung“ nannten dann auch die Organisatoren eines Werbekongresses in Berlin ihre Veranstaltung. Eingeladen waren zahlreiche Praktiker aus der Werbebranche, außerdem einige Wissenschaftler und Marktforscher. Sie alle hielten Vorträge, in denen sie die angebliche Depression der Werbung entlarvten, geißelten oder zu überwinden trachteten.


In Podiumsdiskussionen wurden die Themen weiter plattgewalzt und das Publikum, darunter viele Studierenden, hatten wohl ihren Spaß daran. Dann kam man auf die Idee, die ganze Veranstaltung auch noch zwischen zwei Buchdeckel zu pressen und unter das Volk zu bringen, damit auch diejenigen, die nicht dabei waren, an der schönen Veranstaltung partizipieren können. Leider ist das Ergebnis ähnlich, wie viele Urlaubsfotos: Für diejenigen, die dabei waren, repräsentieren sie schöne Erinnerungen – der Rest ist weniger beeindruckt, manchmal auch gelangweilt.

Der Zauber des Urlaubs erschließt sich den Daheimgebliebenen nicht durch verwackelte Bilder. Der Tagungsband des Werbekongresses des Berliner KommunikationsFORUM mag eine schönes Souvenir für die Teilnehmer sein – wer nicht dabei war, wird nicht jeden Beitrag mit Vergnügen lesen. Dazu sind einige zu sehr dem Augenblick geschuldet und verlieren ohne den mündlichen Vortrag. Wenig lesenswert wird der Sammelband, wenn Redebeiträge wortwörtlich vom Tonband abgeschrieben wurden, ohne dabei an die Bedürfnisse des Leser zu denken. Die Sprache ist dann holprig und die Gedanken nicht immer nachvollziehbar.

Die Langweile schlägt auch schon mal ins Ärgerliche um, etwa wenn im Text Schaubilder erläutert werden, die im Buch gar nicht abgebildet sind. Man merkt dem Buch an, das es eine Low Budget-Produktion ist, die vom Idealismus der Veranstalter getragen wird. Das ist sicherlich gut gemeint, aber muss so etwas dann zwischen zwei Buchdeckel gepresst werden? Natürlich sind einige Beiträge gut formuliert oder inhaltlich interessant. Sieht man mal von den Vorträge der üblichen Verdächtigen wie Norbert Bolz oder Sebastian Turner ab, so ist es durchaus begrüßenswert, dass mal einige Praktiker zu Wort kommen.

Doch um diese Nuggets zu finden, muss man sich durch viele Seiten eher belanglose Protokolle von Podiumsdiskussionen durchkämpfen. Zugegeben, eine inhaltliche Geschlossenheit kann man von einem solchen Sammelband nicht erwarten, aber was ist mit der Depression der Werbung auf sich hat, hätte der eine oder andere Leser vielleicht schon gern erfahren.

Sebastian Kemmler u.a. (Hrsg.) „Die Depression der Werbung – Berichte von der Couch“; Business Village / Berliner KommunikationsFORUM e.V.; Göttingen 2004; 340 Seiten, ISBN 3-934424-22-8

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