Das lange Ende kommt noch…

Buchkritik:
„The Long Tail“ von Chris Anderson

Ausnahmsweise wird hier ein englischsprachiges Buch rezensiert, da wir auf die deutsche Ausgabe leider noch warten müssen (ANMERKUNG: Die deutsche Ausgabe ist mittlerweile erschienen!!!), obwohl ansonsten so manches überflüssige Pamphlet der Management-Literatur schnellstmöglich ins Deutsche übertragen wird. In den USA und England gibt es seit einiger Zeit einen Bestseller, dessen Übersetzung sich lohnen würde. Vielleicht haben die hiesigen Verlage einfach Angst vor dem Titel – zugegeben, „The Long Tail“ würde sich auf Deutsch weniger elegant anhören. Doch das Buch ist lesenswert, da es uns auf eine fundamentale Veränderung speziell in den Medienmärkten hinweist: den Triumphzug der Nische.


Am einfachsten lässt sich das am Beispiel einer Buchhandlung erklären. Der meiste Umsatz wird mit wenigen Bestsellern gemacht; die restlichen Verkäufe verteilen sich auf eine Vielzahl von Titeln, die immer nur eine kleine potenzielle Leserschaft ansprechen. In einer Grafik aufgetragen bilden diese Nischenmedien das lange, flache Ende der Verkaufskurve – eben den „Long Tail“. Da aber der Regalplatz begrenzt ist, kann eine Buchhandlung nicht alle Nischen-Titel vorrätig haben, weshalb viele Bücher es nie zu den durchaus interessierten Kunden schaffen, da sie von deren Existenz gar nichts ahnen.

Doch beim Internet-Buchshop Amazon ist die Situation ganz anders: Hier gibt es keinen knappen Regalplatz, alle Bücher sind verfügbar, und mit smarten Such- und Empfehlungsmöglichkeiten finden Buch und Leser zusammen. Die Folge: Immer mehr Umsatz wird mit Nischenprodukten gemacht, wobei jedes einzelne nur wenig verkauft wird, aber alle zusammengenommen durchaus Geld in die Kasse bringen. Der „Long Tail“ in den Verkaufskurven wird nicht nur länger, er verläuft auch nicht mehr ganz so flach.

Chris Anderson zeigt diesen Mechanismus an vielen Beispielen auf. Dies hat auch für die Medienbranche starke Auswirkungen: Neue Techniken werden bei TV und Print mehr und mehr Nischenmedien schaffen, die neue Geschäftsfelder jenseits der Blockbuster-Medien eröffnen. Auch die Phänomene rund um „Social Media“ oder „Consumer Generated Media“ – also Weblogs und andere internetbasierte Formen dezentraler Kommunikation – lassen sich durch Andersons Ausführungen besser verstehen. Obwohl er hauptsächlich aus Forschungsprojekten schöpft, die er für viele E-Commerce-Anbieter durchgeführt hat, geht sein Blick doch noch über das Internet hinaus, im Gegensatz zu vielen anderen Predigern der „New Economy“. Wer sich mit dem spannenden Thema befassen und nicht auf die deutsche Ausgabe warten will, dem sei das englische Paperback von „The Long Tail“ ans Herz gelegt.

Chris Anderson: „The Long Tail. The New Economics of Culture and Commerce“, Random House Business Books, London 2006, 238 Seiten, ISBN 1-9052-1121-X.

Mittlerweile ist das Buch auch auf Deutsch erschienen – und die erste Ausgabe hieß tatsächlich (zumindest im Untertitel) „Der lange Schwanz“.

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Das waren bestimmt lustige Suchergebnisse, wenn man diesen Titel in Google eingegeben hat 😉

Für die Taschenbuchausgabe wurde der „lange Schwanz“ dann wieder weg gekürzt…

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