Das pralle Leben, wild und digital

Buchkritik:

„Das wilde Netzwerk“ von Daniel Miller

Der Ethnologe Daniel Miller reiste in den Karibik-Staat Trinidad und beobachtete vor Ort und virtuell, wie die Menschen dort mit Facebook umgehen. Spätestens beim Wort „Ethnologe“ kommen die ersten Bedenken auf: Ist da nicht die Gefahr, das in einem schwer verdaulichen fachwissenschaftlichen Jargon die üblichen Klischees und Vorurteile gegenüber neue Medien nochmal präsentiert werden? Nicht bei Daniel Miller, denn er schreibt in einem lockeren Reportage-Stil, der die Menschen, über die er berichtet, so lebendig und anschaulich vorführt, als ständen sie direkt vor uns.

In sieben Kurzporträts beschreibt er Menschen, die alle auf eine eigene Art das soziale Netzwerk Facebook nutzen: Um ihre Beziehungen zu pflegen, um sich neue Lebensräume zu erobern, um ihre Identität zu finden. Der Autor zeichnet seine Skizzen liebevoll, aber auch ironisch und witzig, aber auch mit großem Respekt. Wie unter einem Mikroskop wird ihr Verhalten untersucht.

Das für uns exotische Setting – der Inselstaat Trinidad – sorgt dabei noch für einen besonderen Verfremdungseffekt: Auf den ersten Blick wirkt der Umgang der beobachteten Menschen mit Facebook ursprünglich und naiv – nicht Datenschutz oder Geschäftsmodelle sind das Thema, es wird nicht über abstrakte Zielgruppen oder Erlöspotenziale gesprochen. Wir sehen Menschen, die das Netzwerk für ihre ganz persönlichen Zwecke nutzen. Es hilft den schüchternen Altenpfleger, sich eine Reputation als hilfsbereiter Pixel-Bauer aufzubauen, die weit über die Grenzen des Spiels „Farmville“ in das reale Leben hinausragen. Es hilft der jungen Studentin, eine nächtliche Lerngruppe zu organisieren, wenn ihre Familie schon lange schläft und sich niemand mehr auf die Straße traut. Es hilft einer jungen selbstbewussten Frau, ein Bild von ihrem Leben zu zeichnen, das ihrem Potenzial entspricht und nicht den etwas trostlosen Umständen, in die sie zufällig hineingeboren wurde.

Dieser unverkrampfte und unverkopfte Umgang mit Facebook liefert uns einen erfrischenden Blick auf das Phänomen – jenseits aller gängiger Medienkritik oder unserer professionellen Kommerz-Brille, mit der alle Menschen nur noch wie Zielgruppen aussehen. Daniel Miller stellt seinen Personenbeschreibungen aber auch noch 15 Thesen über den Einfluss von Facebook auf unser Zusammenleben bei. Hier ist er schon etwas analytischer, aber auch diese Texte sind keine wissenschaftlichen Abhandlungen.

Dass dabei ein eher positive Tendenz zu bemerken ist (zum Beispiel, wenn er schreibt: „Mit Facebook enden zwei Jahrhunderte der Flucht aus Gemeinschaften“), kann man ihm nicht vorwerfen. „Das wilde Netzwerk“ ist keine erschöpfende Abhandlung zum Thema Nutzung von Facebook, sondern ein fokussierter Blick auf die Aspekte, die wir in Deutschland zu gerne vergessen: Interaktion auf Facebook ist keine minderwertige Art von Kommunikation, sondern das pralle Leben. Denn das menschliche Zusammenleben ist immer spannend und authentisch, egal ob es in einer Dorfgemeinschaft in der Karibik oder auf den Servern von Facebook stattfindet.

Daniel Miller: Das wilde Netzwerk. Ein ethnologischer Blick auf Facebook; edition unseld / Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Berlin 2012, 218 Seiten, 15,00 €, ISBN 978-3-518-26042-5

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