Nachschlagewerke ohne Treffergarantie

Buchkritik:
Zwei Medienlexika im Vergleich

Das schöne an Lexika ist, dass man sie nicht lesen muss. Ungelesene Sach- und Fachbücher schauen einen vorwurfsvoll vom Regal an – ein Lexikon steht stolz und sichtbar auf dem Schreibtisch und vermittelt einem das Gefühl von Sicherheit, unabhängig von der tatsächlichen Nutzungsfrequenz. Es ist bestenfalls zum Blättern, oft nur zum gezielten Nachschlagen und nicht selten nur eine Versicherung gegen (hoffentlich nicht allzu oft auftretende) kurzzeitige Wissenslücken. Und wie bei einer Versicherung kann man die Qualität eines Lexikons erst einschätzen, wenn der Versicherungsfall eintritt – findet man das gesuchte Wort, die treffende Definition, die einleuchtende Erklärung, wenn man sie braucht? Wenn ja, hat sich das Lexikon bewährt; wenn nein, bleibt nur die zu späte Erkenntnis, eine falsche Investition getätigt zu haben.


In jüngster Zeit sind gleich zwei Lexika erschienen, die Medien und Kommunikation zum Gegenstand haben. Sie sollen Studierende, aber natürlich auch andere Interessierte schnell, leicht verständlich und umfassend informieren. Dabei geht es hier nicht um schiere Quantität – weder ist die Anzahl der Einträge ausufernd, noch gibt es mehrseitige Essays zu einem Stichwort (Wer das erwartet, sollte dann doch lieber zu dem dreibändigen Focus-Lexikon von Wolfgang J. Koschnick greifen). In der Kürze liegt hier die Würze. Das Lexikon „Medien von A bis Z“ will sich, wie der Titel schon sagt, stärker an dem Phänomenen der Medien orientieren. Herausgegeben wird es vom Hamburger Hans-Bredow-Institut. Eine stärkere akademische Ausrichtung hat das „Lexikon Kommunikations- und Medienwissenschaft“, hier sind die Herausgeber ausgewiesene Hochschullehrer einschlägiger Fächer.

Wenn man nur ein Lexikon auf seinen Schreibtisch stellen will, fällt die Wahl nicht ganz leicht. Beide Bücher haben zwar eine große Schnittmenge an Einträgen, aber jeder Band hat auch immer ein paar Vorteile gegenüber dem Konkurrenten. „Medien von A bis Z“ hat weniger, aber dafür in der Regel längere Beiträge. Neben Begriffen und Konzepten aus der Kommunikationswissenschaft und der Medienpraxis werden hier auch wichtige nationale und internationale Medienunternehmen im Kurzporträt vorgestellt. Die Auswahl ist allerdings etwas willkürlich und bei weitem nicht erschöpfend.

Lobenswert sind auch Einträge zu den Mediensystemen einzelner Länder – auch hier nur eine kleine Auswahl, bei der die Nachbarländer Holland und Belgien ebenso fehlen wie das Film-Export-Land Indien oder Technologie-Vorreiter wie Finnland oder Südkorea. Insgesamt sind die Beiträge knapp und verständlich geschrieben. Doch ist der Blickwinkel immer ein bisschen begrenzt, zumal die rund 20 Autoren auch fast alle aus dem Umfeld des Hans-Bredow-Instituts kommen.
Wenn man nach wichtigen Begriffen aus der Werbebranche sucht, findet man viele nicht – es gibt weder einen Eintrag „Mediaforschung“ noch „Mediaplanung“ – oder stolpert über Ungenauigkeiten (etwa die Aussage, die Media-Analyse für Print und Radio sei in allen Fällen eine telefonische Befragung). Doch den Mut zur Lücke brauchen die Herausgeber bei einem einbändigen Nachschlagewerk natürlich, und schließlich handelt es sich ja nicht um ein Werbe- oder Marketing-Lexikon. Die Begriffe aus Fernsehen, Journalismus oder der Medientechnik werden im Übrigen gut erklärt.

Das „Lexikon Kommunikations- und Medienwissenschaft“ ist im Vergleich zum Konkurrenten schon breiter aufgestellt: Fast 100 Autoren von allen renommierten Hochschulen lieferten die kurzen und knappen Beiträge zu den Stichworten. Auch hier fallen einem die Lücken am ehesten im Kontrast zu vorhandenen Einträgen auf: Den Axel Springer Verlag zum Beispiel sucht man vergeblich, dafür wird der Mitteldeutsche Rundfunk aufgeführt. Warum TV-Sender als aufnahmewürdig erachtet wurden, aber wichtige Verlage, Konzerne oder Zeitschriften nicht, bleibt ein Rätsel. Noch mehr als bei „Medien von A bis Z“ ist der Blickwinkel auf Deutschland zentriert, internationale Themen oder Infos über andere Länder findet man kaum. Dafür sind deutlich mehr und präzisere Einträge zu Begriffen aus der Medienwirtschaft und der Werbebranche vorhanden.

Ebenso entdeckt man hier Stichworte aus Methodenlehre und Wissenschaftstheorie, die den Gebrauchswert des Lexikons auch für Studierende erhöhen. Doch auch hier gibt es natürlich weiße Flecken – die aktuellen Schlagwörter wie Web 2.0, Consumer Generated Media, Virales Marketing oder Triple Play sind in keinem der beiden Bücher zu finden. Und leider gibt es auch in beiden Bänden kein Stichwortregister, mit dessen Hilfe man Begriffe finden könnte, die es zwar nicht zu einem eigenen Eintrag gebracht haben, aber in anderen Zusammenhängen erklärt werden. Auch die Querverweise sind eher dünn gesät, weshalb viel vorhandenes Wissen in Zweifelsfällen gar nicht so einfach zu finden ist.

Trotz der wissenschaftlichen Orientierung sei das „Lexikon Kommunikations- und Medienwissenschaft“ jedem empfohlen, der nur ein Lexikon am Arbeitsplatz haben möchte. „Medien von A bis Z“ wäre hierzu eine gute, aber nicht unbedingt notwendige Ergänzung. Natürlich stellt auch ein spezifisches Marketing- oder Wirtschafts-Nachschlagewerk eine gute Ergänzung dar. Wer auf Nummer Sicher gehen will, hält sich am besten sowieso gleich mehrere Lexika in Griffweite. Und im Notfall gibt es immer noch die offene Internet-Enzyklopädie Wikipedia – ein Stichwort übrigens, das man in den beiden hier vorgestellten Lexika vergeblich suchen würde.

Günter Bentele / Hans-Bernd Brosius / Ottfried Jarren (Hrsg.): „Lexikon Kommunikations- und Medienwissenschaft“, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2006, 336 Seiten, 29,90 EUR, ISBN 3-531-13535-X.

Hans-Bredow-Institut (Hrsg.): „Medien von A bis Z“, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2006, 410 Seiten, 24,90 EUR, ISBN 3-531-14417-0.

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