Prosumer: Grenzgänger im Internet-Zeitalter

Buchkritik
„Prosumer Revisited – Zur Aktualität einer Debatte“ von Birgit Blättel-Mink u. Kai-Uwe Hellmann

Rund um Social Media und Software-Projekte nach dem Open Source-Prinzip (bei denen viele Programmierer dezentral und unentgeltlich arbeiten, wie z.B. für Linux oder Firefox) ist ein auf dem ersten Blick neues Phänomen aufgetreten: Menschen konsumieren nicht nur Medieninhalte oder Softwareprodukte, sondern sie schaffen sie auch selbst, um sie mit anderen teilen zu können. Die Grenze zwischen Produzent und Konsument verschwimmt im Internet zunehmend.

Das erinnert an eine Beobachtung, die der Zukunftsforscher Alvin Toffler vor fast 30 Jahren beschrieben hat. Toffler wurde bekannt durch seinen Bestseller „Zukunftsschock“, 1980 beschrieb er in dem Buch „The Third Wave“ den „Prosumer“ – eine Mischung aus Konsumenten und Produzenten. Während in der Agragesellschaft die Menschen fast ausschließlich für den eigenen Verbrauch Waren und Nahrung hergestellt haben, kam durch die Industrialisierung ein strikte Trennung: Der Fabrikarbeiter produziert die Ware für den Markt, er selbst kann sie sich mitunter gar nicht leisten.

Toffler sah nun in den 70er Jahren die ersten Anzeichen für eine neue Entwicklungsstufe, bei denen immer mehr Tätigkeiten, die zuvor rein auf Produzentenseite angesiedelt waren, von den Verbrauchern übernommen werden: Selbsthilfegruppen, Selbstbedienung, Do-it-yourself, Schwarzarbeit. Das Internet und seine Möglichkeiten, das Menschen im großen Umfang zusammenarbeiten können, konnte der ansonsten sehr visionäre und kluge Kopf Toffler noch nicht voraussehen. Aber sein Begriff des „Prosumers“ wurde von der Internet-Gemeinde begeistert aufgegriffen und ist seit einigen Jahren wieder in aller Munde.

Ob er jedoch für die Welt von Web 2.0 und Linux tatsächlich zu gebrauchen ist, wird in einem sehr lesenswerten Buch diskutiert: „Prosumer Revisited“ ist die Zusammenfassung von Beiträgen rund um eine soziologische Tagung. Die Teilnehmer nahmen Tofflers ursprüngliches Konzept und die Weiterentwicklungen sehr genau unter die Lupe. Für Medien ist die Idee des „Prosumers“ von eminenter Bedeutung: Nicht nur die reinen Social Media-Plattformen wie Facebook oder Youtube, auch Call-In-Sendungen, Castings-Shows, Leser-Reporter und Reality-TV zeigen, wie zunehmend die Trennline zwischen Medien-Produzent und Medien-Konsument verwischt.

Die Untersuchungen sind sehr akademisch sorgfältig und differenziert, weit weg von der euphorischen Internet-Ideologie, die in dem „Prosumer“ den neuen Menschen eines goldenen Digital-Zeitalters sieht. Das wird zum Beispiel deutlich in einem hier neu abgedruckten älteren Beitrags des Soziologen George Ritzer, der im viel gerühmten „Crowdsourcing“ nur eine Methode sieht, durch Selbstbedienung Arbeit an die Kunden abzudrücken, um Kosten zu minimieren und Profite zu maximieren. Neben solchen eher theoretisch ausgerichteten Artikeln versammelt das Buch auch empirische Arbeiten, die z.B. die Gebrauchtwagen-Verkäufer und Käufer bei Ebay untersuchen.

Natürlich sind die Texte mehr oder minder von sozialwissenschaftlichen Fachbegriffen durchdrungen, trotzdem lohnt sich die Lektüre der meisten Beiträge. Auch der Wiederabdruck eines 1986 gehaltenen Vortrags des Marketing-Gurus Philip Kotler ist spannend zu lesen, da er schon einen recht präzisen Ausblick auf die Dinge gab, die da im Internet-Zeitalter noch kommen würden.

Das Buch hilft dabei, unsere moderne Medien- und Wirtschaftswelt besser zu verstehen, in der der einzelne erweiterte Möglichkeiten und Aufgaben hat, jenseits des bloßen Verbrauchs von durch Massenproduktion hergestellter Waren. Wer das Marketing des 21. Jahrhunderts beherrschen will, sollte sich sehr genau mit der Idee des Prosumers beschäftigen.

Birgit Blättel-Mink / Kai-Uwe Hellmann (Hrsg.): Prosumer Revisited – Zur Aktualität einer Debatte; VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2009, 232 Seiten, 29,90 €, ISBN 978-3-531-16935-4

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