Das Psycho-Pflaster für den Berufsalltag

Buchkritik:
„Kreativität aushalten – Psychologie für Designer“ von Frank Berzbach

„Psychologie für Designer“ – bei einem solchen Buchtitel denkt man ein typisches großformatiges Lehrbuch zur visuellen Wahrnehmung und erwartet sogleich die altbekannten Bilder – Beispiele für die Gesetze der Gestaltpsychologie, Illustrationen zur Sinnesphysiologie, optische Illusionen. Doch das Buch, das diesen Untertitel trägt, liefert nichts von dem. In der Aufmachung wirkt es eher wie ein Notizbuch und enthält nur wenige Grafiken.

Der wichtige Hinweis ist dabei der eigentliche Name des Buches: „Kreativität aushalten“. Denn dem Autor Frank Berzbach geht es um ein ganz anderes Thema als die visuelle Gestaltung: Wie kann die Psychologie helfen, die Arbeit von Designern effektiver, erfolgreicher und stressfreier zu gestalten? Welche psychischen Probleme hängen mit dem Arbeiten in Agenturen oder dem Dasein als Freelancer zusammen? Wie geht man mit dem Druck um, täglich aufs Neue kreativ zu sein? Also Themen, die nicht nur für Designer wichtig sind, sondern auch für viele andere Berufe in der modernen Informationsgesellschaft.

Aber der Markt der Job-Ratgeberbücher aus der Psycho-Ecke ist ausufernd – für jedes Thema und jede Preisklasse gibt es unzählige Titel. Was unterscheidet Berzbachs Buch nun von all den anderen „How to…“-Anleitungen und Selbsthilfe-Traktaten? Nun, zum einen fokussiert er sich auf eine bestimmte Zielgruppe: Art-Directors, Designer, Studierende an Kunsthochschulen, kreative Freiberufler. Ihre Probleme bei Teamarbeit, Termindruck und Selbstmotivation kennt der Autor, auch ihre ineffektiven Marotten, die von den Betroffenen oft zu einem schillernden Lifestyle stilisiert werden.

Für diese Probleme bietet er Lösungen aus der Psychologie an – die unterscheiden sich nicht von denen der anderen Ratgeber-Bücher zu Teamarbeit, Kommunikation, Motivation, Zeitmanagement, Kreativitätstechniken, Burnout-Profilaxe, Selbstorganisation, Konflikt- oder Stressbewältigung. Das schmälert natürlich nicht den Wert der Ratschläge, man muss das Rad ja nicht jedes Mal neu erfinden. Die Darstellung ist jedoch ganz anders als in den meisten Psycho-Ratgebern: Keine Cartoons, kaum Diagramme, keine Checklisten oder Zusammenfassungs-Kästen mit Stichworten. Stattdessen ist alles in Fließtext in einem etwas spröden, aber sehr intelligenten Ton geschrieben. Das macht das Blättern und Suchen schwierig, erleichtert aber die konzentrierte Lektüre – was ganz im Sinne des Autors ist, der dem Thema Konzentration viele Seiten einräumt.

Das spartanische Layout unterstreicht diese Zielsetzung, allerdings mit einer Ausnahme: Auf fast jeder Seite werden einige Abschnitte mit grüner Farbe unterlegt, ähnlich den Unterstreichungen mit einem leuchtenden Textmarker, wie sie Studierende bei Klausurvorbereitungen verwenden. Diese Markierungen sind alles andere als hilfreich, stören den Lesefluss und irritieren – wenn man sich die gemarkerten Stellen durchliest, ist nicht immer ersichtlich, was jetzt daran so wichtig sein soll. Man hat den Eindruck, dass sie nur dazu dienen, etwas Farbe in das Schriftbild zu bringen – eine etwas geistlose Maßnahme, die der eigentlichen Intention des Buches wiederspricht: Nämlich das eigene Arbeiten eines Kreativen zu reflektieren und mit Hilfe von psychologischen Modellen besser zu verstehen und zu optimieren.

Wer über die Markierungen einfach hinwegliest, hat erlebt eine sehr instruktive Lektüre – die nicht nur für Designer, sondern für alle Geistesarbeiter. Und wir alle können dann und wann ein Pflaster aus der psychologischen Hausapotheke gebrauchen.

Frank Berzbach: Kreativität aushalten – Psychologie für Designer; Verlag Hermann Schmidt, Mainz 2010, 190 Seiten, 29,80 €, ISBN 978-3-87439-786-5

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