Was wir aus Katastrophen lernen können

Buchkritik:

„Trial and Error“ von Tim Harford

Tim Harford ist ein Wirtschaftsjournalist, der vor Jahren einen Sachbuchbestseller veröffentlichte: In „The Undercover Economist“ versammelte er seine Zeitungs-Kolumnen, in denen er kurz und amüsant wirtschaftliche Zusammenhänge erklärte und ökonomisches Denken auch auf politische, ökologische und gesellschaftliche Fragen anwandte.

Nun gibt es ein neues Buch, doch hier ist der Eindruck etwas ambivalent: Interessantes Thema, einige packende Stellen, aber doch nicht stimmig. Es fängt schon mit dem deutschen Titel an „Trial and Error – Warum nur Niederlagen zum Erfolg führen“. Der englische Titel ist da schon etwas sinnvoller: „Adapt: Why Success Always Starts with Failure”. Aber „Anpassung“ als korrektere Übersetzung scheint für den deutschen Buchmarkt nicht geeignet zu sein.

Das Buch beginnt sehr stark mit der Geschichte von Peter Palchinsky, einem russischen Ingenieur und Manager, der wegen seiner schonungslosen Kritik an Stalins gigantischen Prestige-Bauprojekten in Ungnade gefallen ist. Palchinsky entwickelte drei Prinzipien für die Planung von Projekten:

1) „Entwickle immerzu Ideen und verfolge neue Ansätze.“

2) „Wenn Du etwas Neues probierst, dann tu es in einer Größenordnung, in der ein Scheitern zu verschmerzen ist.“

3) Fordere Rückmeldungen ein und lerne aus Deinen Fehlern.“

Im Grunde kann man diese Prinzipien als Quintessenz von Harfords Buch nehmen. Sie spiegeln sich auch in der Evolution wieder: Nur eine bestimmte Variation im genetischen Material (vergleichbar mit „Neuen Ideen“) führt zu neuen Formen, von denen einige wenige besser an die veränderten Umweltbedingungen angepasst sind. Die Möglichkeit zu scheitern, ohne dass gleich ein ganzes System dabei kaputt geht, ist ein wichtiger Mechanismus, der gerade Unternehmen ermöglicht, über lange Zeit im Geschäft zu bleiben. Harford sammelt nun eine Vielzahl von Beispielen aus den unterschiedlichsten Lebensbereichen: Natur, Volkswirtschaft, wissenschaftliche Forschung, Politik, Broadway-Shows, Militärstrategie, Klimaschutz, technische Großprojekte.

Vor allem beschäftigt er sich mit Phänomenen, bei die Prinzipien nicht berücksichtigt wurden. Einige Kapitel konzentrieren sich auf Katastrophen – meist handelt es sich um komplexe Systeme mit enger Koppelung, d.h. der Ausfall eines Teils löst eine Kettenreaktion aus – etwa bei Reaktorunfällen, Explosionen auf Borhinseln oder Finanzcrashs. Besonders angetan hat es Harford das Militärische – über lange Abschnitte referiert er über die Golfkriege und die falsche Politik des Verteidigungsministeriums, während er einzelne Generäle, die im Irak vor Ort neue Ideen jenseits der offiziellen Doktrin ausprobiert haben, als Helden feiert.

Seine Beispiele sind alle sehr spannend und beleuchten sein Thema von verschiedenen Seiten, doch ist das ganze Buch viel zu weitschweifig, um wirklich zu fesseln. Mit über 400 Seiten zerdehnt er seine Berichte, verliert sich in Details und auch der rote Faden geht öfters verloren. Die konzentrierte Form seines ersten Buches (das auf Zeitungskolumnen basierte) ist leider bei „Trial und Error“ nicht zu finden. Aber vielleicht ist das Buch auch nur die erste Version – wenn Harford seine eigene Lektion beherzigt, sollte die zweite Auflage gründlich gekürzt und pointiert werden. Bis dahin erfordert die Lektüre dem Leser einige Geduld ab. Das Grundprinzip von Anpassung und Lernen aus Fehlern ist aber so relevant, dass viele Entscheider sich die Mühe des Lesens machen sollten.

Tim Harford:Trial and Error – Warum nur Niederlagen zum Erfolg führen; Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2012, 426 Seiten, 19,95 €, ISBN 978-3-498-03016-2

 

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