Buchkritik:

„Zum Frühstück gibt’s Apps“ von Gerald Lembke & Ingo Leipner –

Können Sie sich noch an die Zeiten vor dem Internet erinnern? Wie konnten wir damals überhaupt überleben? Keine E-Mails, kein Google, kein Smartphone, kein Facebook? Schwer vorstellbar, dass es vor gar nicht allzu langer Zeit völlig ohne unsere digitalen Helferchen ausgekommen sind. Damals gab es Ladenschluss, Rundbriefe im Büropostfach, faltbare Straßenkarten und Stadtpläne, Telefonbücher, Bekanntschafts-Gesuche im Kleinanzeigenteil der Zeitung und von manchen Freunden hat man nur alle Jahre mal etwas gehört. War damals unser Leben schwerer – oder gar leichter?

Denn damals gab es auch keinen Shitstorm, kein Cyber-Mobbing, keinen Spam und keine Hardware, die alle paar Monate veraltet. Es lässt sich nicht leugnen: Unser Alltag ist in vielfältiger Weise durchdrungen vom Internet. In jedem Lebensbereich haben digitale Hilfsmittel Einzug gehalten, unser Leben erleichtert und uns mit neuen Problemen konfrontiert. Wie gehen wir damit um? Damit beschäftigt sich das Buch „Zum Frühstück gibt’s Apps“ von Gerald Lembke und Ingo Leipner. Sie beschreiben – so der Untertitel – den „täglichen Kampf mit der Digitalen Ambivalenz“.

Ambivalent und widersprüchlich ist unser digital erweitertes Leben, das machen die Autoren an Alltagssituationen fest: Der Angestellte, der von seinem Boss abgemahnt wird, weil er krangeschrieben bei Facebook gepostet hat, dass er zu einem Fußballspiel geht. Oder der Student, der vor lauter Multitasking sich nicht auf sein Referat konzentrieren kann (dies aber gar nicht bemerkt). Die Aspekte, die in den 18 Kapiteln angesprochen werden, sind vielfältig: Online-Dating, Internet-Shopping, unsere Sucht nach Facebook-Likes, Social Media im Unternehmen, Datenschutz, E-Learning und vieles mehr.

In kleinen mundgerechten Häppchen werden die Themen aufbereitet: Jedes Kapitel beginnt mit einer Alltagsbeobachtung, sammelt Fakten und wissenschaftliche Erkenntnisse zum Thema und versucht das Ambivalente herauszuarbeiten. Am Ende gibt es sogar immer Ratschläge, wie man im Alltag mit den beschriebenen Phänomenen umgehen sollte. Damit liefern die Verfasser nicht nur eine kurzweilige Lektüre, sondern auch viel Stoff zum Nachdenken, fundiert durch Studien und Expertenmeinungen. Was oft nur in Alltagsgesprächen thematisiert wird, steht hier zur vertiefenden Reflexion zur Verfügung.

Das fördert einen kritischen Umgang mit unseren digitalen Möglichkeiten. Damit nimmt das Buch ganz bewusst eine Zwischenstellung ein zwischen naiver Online-Euphorie und Schwarzmalerei. Allerdings werden die ambivalenten Merkmale der Phänomene nicht immer konsequent gewürdigt: Die Autoren tendieren doch etwas mehr zur Online-Kritik – was sich speziell in den „Tipps zum (Über-)Leben in der Digitalen Ambivalenz“ zeigt, bei dem es mehr um das Minimieren von Risiken als um das Maximieren von Chancen geht. Die Kapitel-Überschriften spiegeln das wider: Da ist von „Terror durch E-Mails“, von „Handy-Sklaverei“ oder „Like-Wahn“ die Rede.

Die Autoren nehmen die distanzierte Haltung der Internet-Kritiker an – das gilt auch für die Beispiele aus dem Alltag, deren Tonalität und Sprache weniger nach authentischen Originaltönen klingt, sondern eher so, wie sich ein Texter vorstellt, das echte Menschen reden. Das schmälert aber nicht die Gedankentiefe und Lesbarkeit des Bändchens. Kein Buch sollte uns das Nachdenken abnehmen. „Zum Frühstück gibt’s Apps“ regt es aber an.

Gerald Lembke / Ingo Leipner: Zum Frühstück gibt’s Apps – Der tägliche Kampf mit der Digitalen Ambivalenz; Springer Spectrum Verlag, Berlin / Heidelberg 2014, 310 Seiten, 19,99 €, ISBN 978-3-662-43401-7