Konsumgüter als Kulturprodukte

Buchkritik:
„Habenwollen – Wie funktioniert die Konsumkultur?“ von Wolfgang Ullrich

Sein Buch „Habenwollen – Wie funktioniert die Konsumkultur?“ beschreibt einige seiner Exkursionen in diese Welt – die für die typischen Leser des S. Fischer-Verlages (in dem das Buch erschienen ist) wahrscheinlich eine eher fremde Welt sein dürfte. Deshalb sieht sich Ullrich hier als ein Vermittler: Im Gegensatz zu den im Bildungsbürgertum erfolgreichen Verbreitern von Klischees über die „Bewusstseinsindustrie“, die „Kommerzialisierung“ und die Manipulation der „geheimen Verführer“ geht er wesentlich differenzierter und behutsamer vor. Trotz aller Kritik findet man bei ihm eine grundsätzliche Sympathie für die bunte Warenwelt. Am deutlichsten wird das, wenn er die ästhetische Formung von Produkten und Werbung mit kunstgeschichtlichem Scharfblick analysiert.


Da vergleicht er etwa die tragbaren Radiogeräte aus dem Quelle-Katalog der 70er-Jahre mit den heute angepriesenen multifunktionalen Nachfolgemodellen. Während bei den alten, eckigen Kofferradios Zierleisten mit Holzimitaten an die Spießigkeit des kleinbürgerlichen Wohnzimmers erinnern, fallen bei den neuen Geräten ihre Wuchtigkeit und die muskulös wirkenden Rundungen auf, in denen sich die Musik des Hip-Hop so widerspiegele wie die Gemütlichkeit des deutschen Schlagers in den altmodischen Pendants aus den 70ern, so Ullrich.

Solche Betrachtungen sind amüsant zu lesen und der Autor präsentiert sich gekonnt, ohne dabei eine zu abgehobene Sprache zu verwenden. In dem etwas schwächeren Teil des Buches berichtet Ullrich darüber, wie die Marktforschung heutzutage Konsumentenwünsche erfasst, deutet und in Produktdesign und Werbung umsetzt. Hier erzählt er durchaus kenntnisreich über neuere Entwicklungen in der Markt- und Trendforschung, wobei er allerdings deren Einsatz und Wirksamkeit etwas überschätzt.

Auch wenn dieses Buch nicht für Werbepraktiker geschrieben ist und auf keinen Fall als Einführung in die moderne Marktforschung gesehen werden sollte, so lohnt sich doch die Lektüre, da sie einen erfrischenden neuen Zugang zur Analyse von Produkten und Marken liefert.

Wolfgang Ullrich: „Habenwollen – Wie funktioniert die Konsumkultur?“, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2006, 216 Seiten, 17,90 EUR, ISBN 3-10-086004-0

Mittlerweile ist das Buch als Taschenbuch erschienen:

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