Zukunftsvisionen mit wenig Fantasie

Buchkritiken:

Drei Bücher zur Medienzukunft: „TV’s not Dead“ von David Brennan; „Digitale Aufklärung“ von Ossi Urchs und Tim Cole; „2112 – Die Welt in 100 Jahren“ von Ernst A. Grandits (Hrsg.):

Viele Bücher spekulieren über die Zukunft der Medien, doch meist bleiben sie der Gegenwart verhaftet.Wenn Autoren über die Zukunft der Medien nachdenken, dann gibt es zwei Extrem-Positionen: Utopie und Dystopie. Entweder wird eine paradiesische Zukunft gemalt – oder das Gegenteil davon. Verkaufsschlager werden in der Regel eher die düsteren Horrorvisionen. George Orwells Roman „1984“ ist auch 75 Jahre nach seinem Erscheinen noch ein Klassiker. Im Augenblick haben wieder jene Sachbücher und Romane Konjunktur, die in Orwells Tradition von Datenkraken und Total-Überwachung erzählen, allen voran Dave Eggers Bestseller „The Circle“. Doch diese Bücher zeichnen eher ein überspitztes Bild der Gegenwart als das sie sich wirklich auf einen Blick in die Zukunft einlassen. Eine Ausnahme – zumindest auf den ersten Blick – ist der vor zwei Jahren erschienene Sammelband „2112 – Die Welt in 100 Jahren“. Die Idee ist genau 100 Jahre alt – 1912 erschien ein Buch, welches dem Leser Beiträge von zeitgenössischen Gelehrten über das Leben 2012 präsentierte.

2112

Die Jahrhundert-Perspektive

Die Autoren der neuen Version trauen sich meist nicht, konkrete Vorhersagen zu machen (immerhin wird in einem Text die Fertigstellung der Hamburger Elbphilharmonie auf 2022 datiert). Der Beitrag über die Medien im Jahre 2112 stammt von Norbert Bolz und umkreist eher allgemein-philosophisch sein Thema. Bolz macht sich Gedanken über die Noosphäre – eine Art Weltgesellschaft, die über Medien vernetzt ist und eine eigene Intelligenz entwickelt, vergleichbar der Biosphäre, der die immanente Intelligenz der Evolution innewohnt. Konkrete Ideen findet man aber in anderen Kapiteln: Monitore, die auf Briefmarkengröße faltbar sind, Neuro-Enhancement-Zentren, in denen man seine Gedächtniskapazität vergrößern kann, Techniken mit denen wir unsere Sinnesorgane erweitern können. „Wir werden mit den Haaren die entferntesten Gespräche hören und mit den Fingern Musik aus der Luft greifen“ meint der Medienkünstler Peter Weibel etwa. Er nennt dies „Exo-Evolution“ – die natürliche Evolution wird durch die technische Entwicklung verstärkt, dadurch bekommen Menschen neue Fähigkeiten, die eine Trennung von Körper und Medien mehr und mehr aufheben – interessante Ideen, die nach Science Fiction klingen. Doch Science Fiction ist keine schlechte Herangehensweise an das Thema Medienzukunft, wenn wir nicht im Hier und Jetzt gefangen bleiben wollen.

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Östliche Weisheit für den Digital Lifestyle

Ein anderes lesenswertes Buch will uns zeigen, welche Denkweisen wir für die Zukunft brauchen. Es ist das Vermächtnis des kürzlich verstorbenen Internet-Pioniers Ossi Urchs. Er plädiert für eine „digitale Aufklärung“. Wir müssen uns auf die neuen Spielregeln einer digitalisierten und vernetzten Welt einlassen. „Alles, was sich digitalisieren lässt, wird digitalisiert. Alles, was sich vernetzen lässt, wird vernetzt“, so die erste These von Urchs und seinem Co-Autor Tim Cole. Ihr Buch ist eine Utopie: Die digitale Gesellschaft bringt mehr Vor- als Nachteile, doch muss man sich auf sie einlassen. Das Buch ist kein Ratgeber und auch kein knallhartes, faktenlastiges Sachbuch, sondern eher ein langer Essay. An vielen Stellen erkennt man die persönliche Weltsicht von Ossi Urchs, die stark von fernöstlicher Weisheit beeinflusst ist. Da in der öffentlichen Diskussion gerade die Dystopien vorherrschen, ist es erfrischend, mal wieder eine engagierte Verteidigung der Internet-Kultur zu lesen – auch wenn sie in einigen Analysen etwas naiv daherkommt und die bekannten Klischees der Online-Gemeinde wiederholt.

tv is not dead

Fernsehen bleibt Fernsehen

Medienzukunft wird meist mit der Internet-Entwicklung gleichgesetzt. Welche Rolle hat da das Fernsehen? Tatsächlich kommt TV in den meisten Büchern und Beiträgen zur Zukunft kaum noch vor. Man muss schon etwas suchen, um ein Werk zu finden, dass sich explizit mit dem einstigen Leitmedium beschäftigt. Finden wird man dann „TV’s not Dead!“ von David Brennan, in englischer Sprache erschienen. Er macht aus seinen Sympathien für das Medium keinen Hehl und feiert dessen derzeitigen Zustand: Menschen schauen heute mehr fern, geben mehr Geld für Flachbildschirme, Pay-TV und HDTV aus, lieben Serien, erweitern das TV-Erlebnis mit einem Second-Screen, nutzen Festplatten-Rekorder, Smart-TV und elektronische Programm-Führer um noch mehr aus ihrem Fernseherlebnis herauszuholen. Leider fehlt Brennan die Fantasie, diese Gegenwartsphänomene für die Zukunft weiterzuspinnen. Sein Bild der Zukunft entspricht der derzeitigen Realität der „Early Adopters“. Deren souveränen Umgang mit allen Facetten des vernetzten Super-Mediums Digital-TV sieht Brennan auch bald im Mainstream der Gesellschaft als vorherrschend an. Fernsehen wird sozialer, individueller, eindrucksvoller und unabhängiger von Zeit und Raum. Nach Brennans Meinung hat die Werbung in dieser schönen neuen Fernsehwelt einen guten Platz. Neben den guten, alten TV-Spot sieht er Chancen hauptsächlich in der Vernetzung von Smart-TV und E-Commerce oder im Branded Entertainment.

Trotz unterschiedlicher Perspektiven scheinen uns die aufgeführten Bücher eher die Gegenwart als die Zukunft zu zeigen. Ein bisschen mehr Mut zum Gedankenspiel wäre wünschenswert: Vielleicht haben wir in ein paar Jahrzehnten synästhetisches Fernsehen, das alle Sinne anspricht und unsere Wahrnehmung erweitert? Oder die Grenzen zwischen Körper, Technik und der vernetzten Weltgesellschaft ist verschwunden, so das Konzepte wie Internet und Fernsehen uns so veraltet vorkommen wie heute Lochkarten-Rechner oder das Fräulein vom Amt, das Telefongespräche zusammenstöpselte? Wahrscheinlich wird die Zukunft spannender, als wir uns vorstellen können.

David Brennan: TV’s not Dead – How television’s analogue strengths have created a digital supermedium; New Generation Publishing 2013, 260 Seiten, ca. 13,80 €, ISBN 978-1-909593-12-1

Ossi Urchs und Tim Cole: Digitale Aufklärung – Warum uns das Internet klüger macht; Hanser Verlag, München 2013, 270 Seiten, 18,90 €, ISBN 978-3-446-43673-2

Ernst A. Grandits (Hrsg.): 2112 – Die Welt in 100 Jahren; Georg Olms Verlag, Hildesheim 2012, 300 Seiten, 19,80 €, ISBN 978-3-487-08519-7


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