Alt sind nur die anderen

Buchkritik:
„Alt!“ von Richard Haimann

Ein Buch, das nicht mit dem gewohnten „NEU!“ auf dem Umschlag wirbt, sondern dem Leser stattdessen das Wort „ALT!“ entgegenschleudert, provoziert auf den ersten Blick. Bei näherem Hinsehen wird der tiefere Sinn des Titels deutlich –Gegenstand des Buches sind nämlich „die Alten“, d.h. die Konsumenten jenseits der Sechzig, die in nicht allzu ferner Zukunft einen Großteil der deutschen Gesellschaft stellen werden.


Die unbestreitbare Relevanz des Themas muss an dieser Stelle nicht mehr extra betont werden. „Alt!“ passt nämlich auch noch in einer ganz anderen Bedeutung: Der demographische Wandel ist als Thema auf dem Sachbuchmarkt mittlerweile auch schon nicht mehr ganz neu. FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher hat in seinem Bestseller „Das Methusalem-Komplott“ ein fast schon apokalyptisches Szenario vom Kampf der Generationen ausgemalt. Sein Buch brachte dank seiner Drastik und der gleichzeitigen Sympathie für die Alten vielleicht den einen oder anderen Leser, der noch der Illusion der eigenen Jugend anhing, gehörig zum Nachdenken.

Richard Haimann hat nun in seinem Buch „Alt!“ das Thema erneut aufgegriffen und mit einem Blick aufs Marketing ergänzt – als typische Lektüre für den gestressten Manager, mit Praxisbeispielen und konkreten Tipps. Doch mittlerweile rennt man damit offene Türen ein. Die zugrunde liegenden demographischen Fakten wurden nicht allein von Schirrmacher, sondern bereits durch zahlreiche Presseartikel, Vorträge und Kongresse unters Volk gebracht. Hier bietet das Buch nichts Neues, doch ist die Sammlung der relevanten Informationen durchaus lesbar.

Allerdings fehlt bedauerlicherweise eine klare Struktur. Die verschiedenen Aspekte des Themas kommen eher durcheinander zur Sprache, interessante Einsichten werden mit Banalitäten zusammengemischt (wie etwa dem Hinweis, dass Senioren in der Kneipe Gläser mit tiefem Eichstrich bevorzugen, weil bei diesen weniger verschüttet werden kann). Manchmal lamentiert der Autor Haimann seitenlang über Punkte, die beim besten Willen wenig mit dem eigentlichen Thema zu tun haben. So äußert er zum Beispiel pauschale Kritik an Unternehmensberatern, die vielleicht nicht falsch, aber mit Sicherheit hier fehl am Platz ist.

Loben muss man hingegen, dass der Autor das Thema – im Gegensatz zum Schwarzmaler Schirrmacher – durchaus von der positiven Seite sieht und auch die Chancen für Unternehmer aufzählt, die sich durch die wachsende Schar ergrauter Konsumenten ergeben. Doch liefert das Buches wegen seiner fehlenden Struktur und Stringenz keinen systematischen Überblick über ein „demographiefestes“ Marketing; vielmehr dient das Kompott aus Schlagworten, Fakten, Sozialkritik und mehr oder minder hilfreichen Praxistipps eher dazu, die bisher Uneingeweihten an das Thema heranzuführen. Doch das schafft auch Schirrmachers ähnlich unstrukturiertes Pamphlet, dem zwar die praktischen Marketing-Tipps fehlen, doch bei dem zumindest die Argumentation konsequent auf die Spitze getrieben wird und das damit vielleicht den größeren Aha-Effekt stimuliert. Zumal das „Methusalem-Komplott“ nun auch in einer preiswerten Taschenbuchausgabe vorliegt – fehlt nur noch die seniorenfreundliche Großdruckversion.

Richard Haimann: „Alt! Wie die wichtigste Konsumentengruppe der Zukunft die Wirtschaft verändert“, Redline Wirtschaft, Frankfurt am Main 2005, 230 Seiten, 17,90 EUR, ISBN 3-636-01164-2.

Frank Schirrmacher: „Das Methusalem-Komplott“ (Taschenbuchausgabe), Wilhelm Heyne Verlag, München 2005, 216 Seiten, 7,95 EUR, ISBN 3-453 60009-6.

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