Social Media als totalitäres System

Buchkritik:

„Der Circle“ von Dave Eggers

Die digitale Wirtschaft ist in der Literatur angekommen. Der amerikanische Autor Dave Eggers hat einen Roman geschrieben, dessen deutsche Version auch hierzulande ein Bestseller ist: Der Circle“. Das Buch ist mehr als nur ein Schmöcker, es spricht eine Vielzahl von Themen an, die jeden von uns beruflich und privat beschäftigen, deshalb ist eine Rezension in dieser auf Sach- und Fachbücher fokussierten Rubrik gerechtfertigt. Die Story des Buches ist schnell skizziert: Eine junge Frau tritt ihren Job bei einem großen Internet-Unternehmen an, dem Circle – eine Mischung aus Google und Facebook. Anfänglich fremdelt sie mit der internen Firmenkultur, die auf totale Transparenz setzt: Jede noch so private Aktivität soll gepostet, geteilt und kommentiert werden. Mit der Zeit übernimmt sie aber das Weltbild des Circle, wird dessen Aushängeschild: Ausgestattet mit einer Kamera-Brille, teilt sie ihre Erfahrung rund um die Uhr mit der Community und unterstützt auch die neuen Aktivitäten der Firma, die auf eine Total-Überwachung der Gesellschaft hinauslaufen. Ein Happy End gibt es nicht: Die Hauptakteurin assimiliert sich perfekt in die Unternehmenspolitik, obwohl ihre engsten Freunde ihr zum Opfer fallen. Alle früheren Bedenken scheinen verschwunden.

circle

Das Buch trifft einen Nerv: Wir alle müssen in einer digitalen Welt neue Verhaltensweisen lernen, was zu Widersprüchen führt. Ist es nicht toll, dass wir uns jederzeit mit anderen Menschen vernetzen können? Aber wie kann ich meine Privatsphäre abgrenzen – nicht nur gegenüber den viel gescholtenen Datenkraken, sondern auch in Bezug auf meine Freunde und Freundes-Freunde? Ist eine lückenlose Video-Überwachung nicht auch ein Mehr an Sicherheit? Brauchen wir nicht auch eine Pause von den vielen Teilen, Posten, Bewerten und „Liken“? Wie stark lässt man sich auf das Social-Web ein? Was macht man mit Totalverweigerern?

Und sind unendliche Speicherkapazitäten ein Fluch oder Segen – denn das Internet vergisst nichts und macht auch Dinge auffindbar, die wir lieber unter den Teppich kehren würden? Das Buch stellt Fragen und lässt uns an den inneren Konflikten der Hauptperson teilhaben, der sie sich für uns stellvertretend aussetzt. Auch wenn der Autor eine recht klare kritische Haltung hat, werden die Gegenargumente der Circle-Befürworter referiert, die eine Vision einer vernetzten besseren Welt verwirklichen wollen (auch wenn dahinter knallharte Geschäftsinteressen stehen mögen). Der Roman gibt allerdings keine Antworten, als typische Anti-Utopie verstärkt es unser digitales Unbehagen.

Doch diejenigen, die von einem Bestseller anregendes Lesefutter erwarten, seien gewarnt: Das Buch ist kein Thriller, es zieht sich eher unnötig in die Länge. Die stärksten Momente sind die, in denen sich in Kleinigkeiten die totalitäre Social-Media-Ideologie des Circle offenbart: Wenn die Hauptfigur von ihren Vorgesetzten gerügt wird, weil sie es versäumt hat, persönlich auf eine von Tausenden Nachrichten zu reagieren, deren Absender deshalb persönlich tief verletzt zu sein scheint.

Wer will, kann das Buch übrigens auch gleich in Englisch lesen, denn die deutsche Fassung ist – ebenso wie unsere Alltagssprache – durchdrungen von englischem Social-Web-Jargon. Seltsam ist nur, dass die Übersetzer zwar keine Probleme mit dem „denglischen“ Titel „Der Circle“ hatten, aber die Kern-Maxime des dargestellten Unternehmens „Sharing is Caring“ etwas holprig mit „Teilen ist Heilen“ übersetzten. Ob das Buch nur ein Ausdruck des Zeitgeistes ist oder ein Klassiker wie George Orwells „1984“ (mit dem viele Kritiker es vergleichen) wird, bleibt abzuwarten. Über die Fragen, die es uns stellt, sollten wir jetzt nachdenken.

Dave Eggers: Der Circle. Roman; Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2014, 560 Seiten, 22,99 €, ISBN 978-3-462-04675-5

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