Allensbach ist überall

Buchkritik:
„Erinnerungen“ von E. Noelle-Neumann

Ein Memoirenband ist normalerweise nicht die Art von Lektüre, die an dieser Stelle rezensiert wird. Doch bei dem Buch von Elisabeth Noelle-Neumann, das sie eher ungewohnt schlicht und einfach mit „Die Erinnerungen“ überschrieben hat, muss man eine Ausnahme machen. Es handelt sich schließlich bei ihr um eine Persönlichkeit, die wie nur wenige andere die Entwicklung der empirischen Sozialforschung in Deutschland geprägt hat.


Als Gründerin des Instituts für Demoskopie in Allensbach ist sie die Wegbereiterin der kommerziellen Marktforschung in Deutschland, genauso wie sie für die Entwicklung und öffentliche Akzeptanz der Wahl- und Mediaforschung viel geleistet hat. Diese Pionierarbeit wird auch in ihren Memoiren widergespiegelt – und das sind die interessanten Stellen für jene, die sich ein bisschen mit der Geschichte der Markt- und Mediaforschung beschäftigen wollen.

Elisabeth Noelles Interesse für die empirische Forschung wurde vor allem durch eine USA-Reise als Studentin geweckt. Sie erzählt, wie sie mit den damals neuen Massenumfragen von George Gallup in Berührung kam. So richtig spannend wird es aber erst in den 50-er Jahren, als sie mit viel Unbekümmertheit das Allensbacher Institut gründete.
Die Anekdoten aus der Kinderstube der Meinungsforschung sind mitunter amüsant, besonders wenn berichtet wird, welche Vorbehalte es anfänglich gegen die damals neue Methode der Demoskopie gab. Manchmal wird dem Leser die Faszination dieser Gründerzeit vermittelt, wenn die Begeisterung der Verfasserin für ihre Arbeit und die von Kollegen deutlich wird, etwa für Lazarsfelds bahnbrechende Studie „Die Arbeitslosen von Marienthal“, die durch eine Buchreihe des Allensbacher Institut dem Vergessen entrissen wurde.

Wie es sich für die Memoiren einer zeitgeschichtlich wichtigen Persönlichkeit gehört, werden auch ausgiebig die Begegnungen mit berühmten Zeitgenossen referiert – etwa die enge Beziehung, die Noelle mit Konrad Adenauer oder Carlo Schmid hatte. Bei einer solchen schillernden und kontroversen Persönlichkeit sind allerdings auch einige verschrobene Begebenheiten im Lebenslauf unumgänglich – vom nächtlichen Besuch eines Engels bis zu einem Traum über Albert Speer. Der Autorin fehlt manchmal die Distanz, um die richtige Auswahl aus den banalen Belanglosigkeiten und sehr präzisen Beobachtungen der Wirklichkeit zu treffen. Davon abgesehen handelt es sich bei dem Buch aber zweifellos um ein wichtiges Zeitdokument und eine über weite Strecken sehr interessante Lektüre.

Elisabeth Noelle-Neumann: „Die Erinnerungen“, Herbig Verlag, München 2006, 318 Seiten, 24,90 Euro, ISBN 978-3-776-62485-4

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