Buchkritik:

„Die große Gereiztheit“ von Bernhard Pörksen –

Bernhard Pörksen ist Kommunikationswissenschaftler und Systemtheoretiker. Seine geistige Heimat ist der Konstruktivismus, eine philosophische Strömung, welche die Relativität der Wahrnehmung betont. Sehr verkürzt dargestellt, ist die Grundidee folgende: Wir konstruieren uns ständig selbst unsere eigene Welt. Lange Zeit galt diese Denkweise bei vielen als eine intellektuelle Spielerei ohne alltagspraktische Relevanz. Doch in den Zeiten der Social Networks, der Fake News und Filterblasen, können wir die alternativen Wirklichkeitskonstruktionen in Echtzeit beobachten. Kein Wunder, dass Pörksen nun als ein gefragter Talk-Show-Gast und Deuter der aktuellen Entwicklung geschätzt wird.

Zu Recht, denn seine Reflexionen über die derzeitige Medienumwelt sind bedenkenswert und erhellend. In seinem neuen Buch „Die große Gereiztheit“ lässt er seine Beobachtungen und Ideen in einer großen Parade aufmarschieren. Dabei geht es im Schwerpunkt um die Rolle des Journalismus – galt er doch zwei Jahrhunderte lang als „vierte Gewalt“ im Staate. Jetzt sei eine fünfte dazugekommen: Die Gewalt des „Konnektivs“, die vernetzte Masse, die Communities der sozialen Medien, der Schwarm der Empörten. Denn allzu leicht lässt sich dieses Aggregat erregen. Dann kann, in wenigen Stunden, ein Shitstorm aufbrausen, der zu gesellschaftlichen Diskussionen anregen kann, nicht selten aber zu einer digitalen Hexenjagd führt.

Der Autor findet für alles anschauliche Beispiele und zeigt mit ihnen die Komplexität und Chaotik, mit der wir es heute zu tun haben. Hetzmeute und Pranger – eigentlich Relikte aus einer vormodernen, barbarischen Zeit – leben in der digitalen Welt wieder auf. Der klassische Journalismus ist dabei kein Korrektiv, sondern nicht selten Verstärker der großen Gereiztheit, wie Pörksen dieses Phänomen nennt.

Denn das Verhältnis von Privatheit und Öffentlichkeit hat sich verändert. Pörksen erläutert das an einem anschaulichen Beispiel. Präsident Roosevelt hat es geschafft, seine massive Behinderung über mehrere Amtszeiten geheim zu halten und der Öffentlichkeit das falsche Bild eines gesunden, agilen Staatsmannes zu präsentieren. Hilary Clinton hingegen wurde während eines kurzen Schwächeanfalls mit einer Handy-Kamera gefilmt und danach diskutierte das ganze Land über ihren Gesundheitszustand. Die ständige Beobachtung, die Leichtigkeit des Publizierens, die Entgrenzung der öffentlichen Diskussion jenseits der klassischen Gatekeeper (seien es Regierungssprecher, PR-Experten oder Journalisten) – das alles führt dazu, dass sich die politische Arena verändert hat. Das ausgerechnet Präsident Trump derjenige ist, der anscheinend instinktiv dieses Kommunikations-Chaos zum eigenen Vorteil zu nutzen weiß, ist ein Fakt, der uns alle nach wie vor irritiert. Pörksen liefert soziologische und politikwissenschaftliche Deutungen der Lage, die er kenntnisreich und mit intellektueller Reflexion präsentiert.

Dabei ist es nicht immer ganz leicht, seiner anspruchsvollen Argumentation zu folgen – manchmal springt er quasi im Galopp durch die Phänomene, Beispiele und Interpretationen. Trotzdem ist sein Essay lesbar und nachvollziehbar, erfordert einige Konzentration von den sozialwissenschaftlich und philosophisch unerfahrenen Lesern. Am Ende seines Buches zeigt er einen optimistischen Lösungsansatz aus der Misere: Jeder Bürger braucht das Rüstzeug und die Tugenden eines guten, verantwortungsvollen Journalisten – das Verständnis, wie Nachrichten entstehen, wie Quellen zu bewerten sind, Skepsis und einen Sinn für das Abwägen der Bedeutung (nicht jeder Skandal ist wirklich der Empörung wert). Seine Vision einer „redaktionellen Gesellschaft“ erscheint plausibel, aber auch recht utopisch und etwas verkopft. Doch ob es einen anderen Weg gibt, ist fraglich, denn das derzeitige mediale Ökosystem, das die Gereiztheit fördert, wird so schnell nicht weg gehen.

Bernhard Pörksen: Die große Gereiztheit – Wege aus der kollektiven Erregung; Carl Hanser Verlag, München 2018, 256 Seiten, 22,00 €, ISBN 978-3-446-25844-0